(216 Seiten, 142 Abbildungen, 14 Tabellen, Preis: 30,00 Euro, ISBN 978-3-930963-94-2)
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20 Jahre nach der „friedlichen Revolution“ und dem darauffolgenden
Herstellen der staatlichen Einheit Deutschlands legt das IWH erneut eine Dokumentation
der gesellschaftlichen, vor allen Dingen der wirtschaftlichen Entwicklung vor.
Ziel ist es, anhand von Zahlen, Schaubildern und Tabellen mit entsprechenden
Erklärungen die Vielschichtigkeit des Wandels der Neuen Länder aufzuzeigen.
Damit fällt auch die Bewertung differenziert aus: Es gibt eine weitgehend
modernisierte Infrastruktur, das erste, was an „blühende Landschaften“
erinnern mag. Einige Unternehmen und Standorte konnten sich mit großem
wirtschaftlichen Erfolg die Weltmarktführerschaft in wesentlichen Technologien
sichern. Aber es gibt auch einen massiven Bevölkerungsverlust, sich entleerende
Gebiete. Manche Städte und erhebliche Teile des ländlichen Raums suchen
eine neue Aufgabe in der nationalen und internationalen Arbeitsteilung.
„Damit zusammenwächst, was zusammengehört“ – dieses
Bild ist damit kontrovers zu beleuchten. Wenige haben gedacht, dass 40 Jahre
Teilung und Zwangswirtschaft so lange in ihren Folgen vorhalten würden.
Post-Transformationsgesellschaften, zu denen auch die der Neuen Bundesländer
zählen, schütteln ihre Vergangenheit nur langsam ab: Der bürgerliche,
insbesondere auch wirtschaftlich tätige Mittelstand entwickelt sich erst;
noch viele Jahre des erfolgreichen Wirtschaftens liegen vor ihm, bis er in der
Breite die hohe Internationalität Westdeutschlands erreicht hat. Denn dort
sind Globale Mittelständische Unternehmen, so genannte „GMUs“,
als spezialisierte Nischenanbieter weltbekannt. Internationale Unternehmenszentralen
fehlen in den Neuen Bundesländern vollkommen, was in erheblichem Maße
auch die weiterhin persistente Einkommenslücke gegenüber Westdeutschland
erklärt und zugleich auf einige Folgeerscheinungen verweist, beispielsweise
verringerte Erwerbstätigkeitschancen, eine gegenüber den Alten Ländern
geringere Kaufkraft. Folgen für die Urbanität der Städte sind
unausweichlich.
Wer erwartet hat, die schwierigen Startbedingungen des Jahres 1990 rasch überwinden
zu können, sieht sich also getäuscht. Im Grunde ist es eine geschichtliche
Erfahrung, dass ein Umsteuern aus gegebenen Entwicklungspfaden Zeit benötigt.
Es sind neue Strukturen der Arbeitsteilung, meist auf Basis innovativer Technologien,
historisch auch neue Rohstoffquellen und Absatzmärkte, also Handelsbeziehungen,
die bisher rückständigen Regionen zu einem Sprung verhalfen und sie
in die vorderste Reihe katapultierten. So war es nach dem Zweiten Weltkrieg
in Süddeutschland, nach dem Ersten Weltkrieg in den Südstaaten der
USA und auch mit Beginn der Globalisierung in den Schwellenländern Asiens.
Insofern liegt die wirtschaftliche Hoffnung der Neuen Länder in einer technologieorientierten
wirtschaftlichen Entwicklung. Die Kernkompetenzen im Bereich nachhaltiger Energien
und der mit diesen verknüpften, ergänzenden Technologien werden bereits
heute deutlich. Vor allem in der Solartechnologie haben sich industrielle Führer
entwickelt, die die Länge der Produktlebenszyklen beeinflussen, wenn nicht
gar festlegen. Die Technologiekonvergenz mit Nachbardisziplinen stellt eine
wesentliche Triebfeder des Aufschwungs in verbundenen Sektoren dar. Damit wird
die Ausstattung mit Wissenskapital zum zentralen Wettbewerbsfaktor. Auch hier
ergibt sich, wie die Dokumentation belegt, ein vielschichtiges Bild: Wird die
Ost-West-Teilung sukzessive durch eine Nord-Süd-Differenzierung abgelöst?
Die Betrachtung der gesamtdeutschen technologischen und wirtschaftlichen Dynamik
legt dies nahe. Inwieweit die gegenwärtige Wirtschaftskrise hierbei einen
beschleunigenden Effekt erzeugt oder nicht, erscheint offen, auch angesichts
einer Vielzahl von politischen Interventionen. Im Regelfall führen derartige
Krisen dazu, dass der sektorale Wandel mit sprunghaften Veränderungen die
internationale Arbeitsteilung neu ordnet. Gerade der Süden der Neuen Länder
besitzt eine große Chance, hiervon zu profitieren.
Der vorliegende Band gliedert sich in vier Teile: Neben einer zusammenfassenden
Einordnung finden sich in den acht Kapiteln des Hauptteils die wesentlichen
Dokumentationen des Vereinigungsprozesses. Vorangestellt ist ein Geleitwort,
das Dr. Klaus von Dohnanyi, ehemaliger Erster Bürgermeister der Freien
und Hansestadt Hamburg, verfasst hat und in dem er die historische Dimension
des Einigungsprozesses noch einmal vor den Augen der Leser erscheinen lässt.
Abgeschlossen wird der Band durch einen Beitrag von Prof. Dr. Dr. h. c. Kurt
Biedenkopf, ehemaliger Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, der vor
allem auch die Lehren – und damit ebenso die künftigen Herausforderungen
– des Einigungsprozesses benennt.
In dieser Arbeit wurden Informationen des gesamten Instituts für Wirtschaftsforschung
Halle, das seit seiner Gründung auf dem Gebiet der Transformation und der
Post-Transformationssprozesse forscht, zusammengezogen. Es ist ein Produkt des
gesamten Hauses; die Autorenschaft bzw. Kernkompetenz ist am Anfang jedes Kapitels,
nach einer Einleitung in das spezifische Thema, durch Angabe der Kontaktadresse
für einzelne Bearbeitungsgebiete benannt.
Ulrich Blum, Herbert S. Buscher et al.
Inhaltsübersicht:
1 Gesamtwirtschaftliche Produktion, Einkommen, Nachfrage und Konvergenz
2 Bevölkerung
3 Regionale Wirtschaftskraft und interregionale Ausgleichsmechanismen
4 Beschäftigung und Arbeitslosigkeit
5 Innovation, Forschung und Entwicklung, Humankapital und Bildung
6 Kommunale Entwicklungsstrategien und Wohnen in Ostdeutschland
7 Haushalte und Familien/Lebenslagen, Lebensformen und -gemeinschaften
8 Ostdeutschland und die neuen EU-Länder im Vergleich