Politiker sind mitverantwortlich für Ausfallrisiko ihres Staates

Investoren gehen von höheren Ausfallrisiken aus, wenn ein Land politisch instabil ist oder von einer Partei regiert wird, die am linken bzw. rechten Rand des Parteienspektrums angesiedelt ist. Je demokratischer aber der Staat und je stärker er in die Weltwirtschaft eingebunden ist, desto geringer ist auch der Einfluss dieser politischen Faktoren, fand Stefan Eichler vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (IWH) heraus.

Autoren Stefan Eichler

Nicht selten haben staatliche Zahlungsausfälle politische Ursachen. Denn die tatsäch­liche Rückzahlung von Staatsschulden entscheidet letztendlich immer die einheimische Regierung. So drohte beispielsweise 2015 die griechische Regierung offen mit Zahlungs­ausfall, sollte eine Tranche des Hilfspakets nicht ausgezahlt werden. Ob eine Regierung also willig ist, ihre Schulden zu bezahlen, spielt daher eine entscheidende Rolle für das Risiko eines staatlichen Zahlungsausfalls. Ob und inwieweit auch Anleiheinvestoren politische Faktoren als bestimmend für das staatliche Ausfallrisiko betrachten, damit beschäftigte sich Ökonom Stefan Eichler. Anhand der Risikoprämien auf Staatsanleihen von 27 Schwellen- und Entwicklungsländern in den Jahren von 1999 bis 2009 unter­suchte er den Einfluss verschiedener politischer Faktoren auf das von Investoren wahr­genommene Ausfallrisiko.

Studien, die sich mit dem Ausfallrisiko von Staaten beschäftigen, sehen in der Regel die ökonomischen und finanziellen Faktoren als bestimmend an. Die wenigen Studien, die sich mit der politischen Dimension beschäftigen, untersuchen das Ausfallrisiko anhand der Bewertung von Ratingagenturen. „Staatliche Kreditratings sind aber in vielerlei Hinsicht eine Black Box, denn sie sind wenig transparent“, erklärt Eichler. Er unter­suchte die Wahrnehmung der Investoren daher anhand der Effektivzinsen von Staats­anleihen.

„Für Investoren spielt zunächst die politische Ideologie der Regierung eine entschei­dende Rolle. Staaten mit Links- oder Rechtsregierungen leiden unter signifikant höhe­ren staatlichen Ausfallrisiken als Länder mit Zentrumsregierungen. Linksregierungen müssen durchschnittlich 2,6% höhere Risikoaufschläge zahlen als Zentrumsregierun­gen, bei Rechtsregierungen sind es sogar 3,9% mehr – denn Investoren müssen sowohl bei linken als auch rechten Regierungen stärker mit ideologisch motivierten Zahlungs­ausfällen rechnen“, so Eichler.

Auch die politische Stabilität schlägt sich in den Zinsen nieder. Je stabiler ein Land ist, desto geringer sind die Effektivzinsen, die es für Kredite bezahlen muss. Ein um zwei Punkte höherer Index für politische Stabilität reduziert den Risikoaufschlag um 6,6%. „Das entspricht beispielsweise dem Unterschied zwischen dem stabilen Chile und dem krisengeschüttelten Venezuela“, macht der Forscher deutlich. „Politische Stabilität er­höht für die Investoren die Sicherheit, dass sich ein Staat an die Staatsschulden der Vorgängerregierung gebunden fühlt.“ In politisch instabilen Staaten fällt es Investoren dagegen schwer, die Vorstellungen und Kompetenzen der neuen Regierung einzuschät­zen.

Die Effekte von Ideologie und politischer Stabilität auf die staatlichen Ausfallrisiken werden aber wiederum durch andere Faktoren mitbestimmt: den Grad an Demokratie und die Einbindung in den internationalen Handel. In demokratischen Staaten spielt die politische Stabilität eine weniger tragende Rolle. „Dort besteht in der Regel Einigkeit darüber, dass fiskalische Verpflichtungen eingehalten werden müssen – und zwar über alle politischen Lager hinweg“, deutet Eichler die Ergebnisse.

Engagiert sich ein Land außerdem kaum im Außenhandel, ist das Ausfallrisiko ebenfalls deutlich stärker von Wahlzyklen, politischer Ideologie und Stabilität abhängig. „Der Außenhandel erhöht in den Augen der Investoren die politische Zahlungswilligkeit. Denn sie vermuten, dass Staaten, die stark in die Weltwirtschaft eingebunden sind, auch stärker darunter leiden, wenn ihre internationale Finanzierung eingeschränkt wird. Bei der aktuellen Debatte über das Für und Wider der Globalisierung sollten wir das beden­ken. Ein globalisierter Staat genießt mehr Vertrauen und wirkt von außen deutlich widerstandsfähiger“, so Eichler.

Veröffentlichungen:

Eichler, Stefan; Plaga, P.: The Political Determinants of Government Bond Holdings, in: IWH Discussion Papers, 14/2016.

Eichler, Stefan: Politische Determinanten staatlicher Ausfallrisiken, in: IWH, Wirtschaft im Wandel, Jg. 23 (2), 2017, 29-32.

Ansprechpartner

Für Wissenschaftler/innen

Professor Dr. Stefan Eichler
Professor Dr. Stefan Eichler
Forschungsgruppenleiter

Für Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Anfrage per E-Mail

Für Journalistinnen/en

Stefanie Müller
Stefanie Müller
Pressereferentin

Für Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

+49 345 7753-720 Anfrage per E-Mail

IWH-Expertenliste

Die IWH-Expertenliste bietet eine Übersicht der IWH-Forschungsthemen und der auf
 diesen Gebieten forschenden Wissenschaftler/innen. Die jeweiligen Experten für die
 dort aufgelisteten Themengebiete erreichen Sie für Anfragen wie gewohnt über die
 Pressestelle des IWH.

Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft LogoTotal-Equality-LogoWeltoffen Logo