25 Jahre IWH

Dienstleister bestimmen die Dynamik der Beschäftigung

In Ostdeutschland wurden deutlich weniger neue Beschäftigte eingestellt als in Westdeutschland. Hintergrund sind vor allem die schwachen Impulse des Dienstleistungssektors im Osten. Das wiederum hat vor allem strukturelle Gründe.

Autoren Hans-Ulrich Brautzsch

Der Beschäftigungsaufbau in Ostdeutschland kommt nur schleppend voran. Während die Beschäftigung im Westen der Republik im Jahr 2015 um 1,0% gegenüber dem Vorjahr zunahm, stieg sie im Osten nur um 0,4%. Für 2016 lässt sich in Ost und West ein gleicher Anstieg von 1,0% erwarten. „Der gute Wert für Ostdeutschland wird aber maßgeblich von Berlin getragen. Hier hat die Beschäftigung um 2,1% zugenommen, während sie in den Flächenländern sogar um 0,1% gefallen ist“, erklärt Dr. Hans-Ulrich Brautzsch, Forscher am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Zudem lassen sich große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern erkennen: „In Mecklenburg-Vorpommern hat die Beschäftigung zum Beispiel um 0,5% zugenommen, in Sachsen-Anhalt ist sie aber um 0,6% gefallen.“

Eine maßgebliche Ursache für den lahmenden Beschäftigungsaufbau im Osten liege im Dienstleistungsbereich, so Brautzsch. „Der deutlich geringere Aufbau lässt sich vor allem darauf zurückführen, dass der Dienstleistungsbereich im Osten merklich weniger Impulse für die gesamtwirtschaftliche Beschäftigung gibt als in Westdeutschland.“ Der IWH-Forscher hat hierzu die Expansionsbeiträge – also die Anteile verschiedener Wirtschaftsbereiche an der Veränderung der Erwerbstätigkeit gegenüber einer Referenzperiode – seit 2011 untersucht. Es zeigt sich, dass die Zahl der Erwerbstätigen in Ostdeutschland seitdem um 1,8% gestiegen ist, in Westdeutschland allerdings um 4%. Der Dienstleistungsbereich hat im Osten 1,7 Prozentpunkte zur Expansion beigetragen – im Vergleich zu 3,2 Prozentpunkten im Westen. Unter den ostdeutschen Flächenländern sind nur in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen die Impulse der Dienstleistungsbereiche überhaupt spürbar. In fast allen ostdeutschen Flächenländern ist es eher das Verarbeitende Gewerbe, das die Beschäftigungsexpansion vorantreibt. Berlin nimmt hier eine Sonderstellung ein: In diesem Bundesland nahm die Beschäftigung im Zeitraum von 2011 bis 2015 mit 7,9% am stärksten zu, wobei der kräftige Beschäftigungsaufbau nahezu vollständig aus den Dienstleistungsbereichen stammt.

Dieser Eindruck setzt sich auf der Ebene der Kreise fort: Nur in wenigen ostdeutschen Zentren, so zum Beispiel in Berlin, Leipzig oder Dresden und ihren umliegenden Kreisen, nahm die Beschäftigung maßgeblich zu. Gleichzeitig gingen auch nur dort von den Dienstleistern positive Beiträge für die Beschäftigung aus.

Dass der Dienstleistungssektor in den ostdeutschen Ländern nur geringe Expansionsbeiträge liefert, sieht Brautzsch in den strukturellen Unterschieden zum Westen begründet. „Neben regional sehr unterschiedlichen Anteilen von geringfügig und Teilzeitbeschäftigten spielt auch die demographische Struktur eine Rolle: In Ostdeutschland ist die Bevölkerung zwischen 2011 und 2015 nur um 0,5% gewachsen. Gleichzeitig trugen die Dienstleistungsbereiche nur 0,7 Prozentpunkte zur Expansion bei. Das ist ein deutlicher Unterschied zu 1,7% Bevölkerungswachstum und einem Beitrag von 1,6 Prozentpunkten im Westen. Betrachtet man nur die östlichen Flächenländer, geht mit einer Bevölkerungsabnahme auch ein Sinken des Wachstumsbeitrags der Dienstleistungsbereiche einher.“ Eine weitere Ursache ist die Siedlungsstruktur in Ostdeutschland. Die östlichen Bundesländer haben im Vergleich zum Westen nur wenige Ballungsräume. Aber gerade dort fällt der Expansionsbeitrag der Dienstleister viel stärker aus. Und schließlich spielen auch die Strukturen innerhalb der ostdeutschen Industrien eine Rolle. Als in den 1990er Jahren die ehemaligen Staatsbetriebe privatisiert wurden, konzentrierten sie sich auf das Kerngeschäft – die Fertigung. Dienstleistungsaktivitäten wurden aufgegeben oder ausgegliedert. „Kritisch ist auch, dass es in Ostdeutschland so wenige Konzernzentralen gibt. Denn die haben nicht nur einen hohen Bedarf an Mitarbeitern, die überdurchschnittliche Einkommen haben und selbst Dienstleistungen nachfragen. Sie ziehen auch wissensintensive Dienstleistungsangebote an, zum Beispiel Rechts- oder Beratungsleistungen. All diese Einflüsse sind in Ostdeutschland viel geringer.“

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Verknüpfte Publikationen

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Dienstleister bestimmen die Dynamik der Beschäftigung

Hans-Ulrich Brautzsch

in: Wirtschaft im Wandel , 6, 2016

Abstract

Der in Ostdeutschland deutlich geringere Beschäftigungsaufbau im Vergleich zu Westdeutschland ist maßgeblich darauf zurückzuführen, dass die Impulse der Dienstleistungsbereiche für die gesamtwirtschaftliche Beschäftigung beträchtlich geringer sind als in Westdeutschland. Allerdings nimmt Berlin unter den ostdeutschen Ländern eine Sonderstellung ein, da der dortige kräftige Beschäftigungsaufbau vollständig von den Dienstleistungsbereichen getragen wird. Auf der Kreisebene zeigt sich eine hohe Korrelation zwischen der Beschäftigungsentwicklung insgesamt und der Höhe der Expansionsbeiträge der Dienstleistungsbereiche. Die regional differierenden Expansionsbeiträge der Dienstleistungsbereiche stehen im Zusammenhang mit Unterschieden bei der Teilzeitbeschäftigung, der demographischen Entwicklung sowie der Siedlungs- und Produktionsstruktur.

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