25 Jahre IWH

Möglicher Brexit beunruhigt die Finanzmärkte

Am 23. Juni entscheiden die Briten in einem Referendum über die Frage, ob ihr Land in der Europäischen Union bleiben soll oder nicht.

Autoren Reint E. Gropp

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hat die Ergebnisse der Meinungsumfragen im Vorfeld des Referendums als ein Maß für die Wahrscheinlichkeit eines EU-Austritts herangezogen, um die zu erwartenden Effekte eines Brexit auf die Finanzmärkte zu untersuchen. "Immer wenn die Wahrscheinlichkeit eines Brexits in den Umfragen über 50% steigt, beobachten wir eine erhebliche Abwertung des Britischen Pfunds gegenüber den meisten anderen wichtigen Währungen (einschließlich des Euros) und einen starken Rückgang der Kurse von Bankaktien. Die Märkte glauben offenbar, dass der Finanzsektor in Großbritannien und in der EU ernsthaft von einem Brexit betroffen sein wird", sagt Reint E. Gropp, Präsident des IWH. Kaum spürbar sei dagegen der Effekt auf den Euro/US-Dollar-Wechselkurs.

Immer wenn die Wahrscheinlichkeit eines Brexits in den Umfragen über 50% steigt, beobachten wir eine erhebliche Abwertung des Britischen Pfunds und einen starken Rückgang der Kurse von Bankaktien.

"Ernsthafte Sorgen bereitet, dass die allgemeine Vola­tilität der Märkte in Großbritannien und in der EU seit vergangenem Donnerstag Rekordhöhen erreicht. Diese Turbulenzen spiegeln die zunehmende Unsicherheit wider, die sich mit einem möglichen Brexit - und wie genau er ablaufen würde - verbindet." In Groß­britannien selbst gebe es Belege für eine Flucht in Staatspapiere. Für deutsche Staatsanleihen zeige sich kein solcher Effekt.

Mit Hilfe von Daten des Hochfrequenzhandels an den Finanzmärkten sowie von Umfragedaten, die den Anteil der Brexit-Befürworter messen (Quelle: whatukthinks.org), hat das IWH die kurzfristigen Folgen eines Brexit für die Finanzmärkte abgeschätzt. Abbildung 1 zeigt das zeitliche Mus­ter der Umfragewerte zum Brexit.

Formale empirische Analysen (vgl. IWH Online Nr. 5/2016) sprechen für ein Muster wie in Abbildung 2 gezeigt. Die Abbildung zeigt, dass ein ansteigender Anteil an Brexit-Befürwortern mit sinkenden Renditen von Bankindizes (Teil (a) der Abbildung) und einer Abwertung des Britischen Pfunds gegenüber dem Euro (Teil (b) der Abbildung) und anderer Währungen (nicht in der Abbildung gezeigt) einhergeht. Es zeigen sich außerdem Rekordwerte für die Volatilität der europäischen Aktienmärkte, wie sie nicht einmal während der Griechenlandkrise auftraten (Teil (c) der Abbildung).

Die IWH-Studie bringt eine Reihe weiterer interessanter Resultate: Erstens zeigen sich signifikante Marktreaktionen an Tagen, an denen der Anteil der Austrittsbefür­worter in den Umfragen über die 50%–Schwelle steigt, verglichen mit Tagen, an denen er unter dieser Schwelle bleibt. Zweitens zeigt sich eine Flucht in die Sicher­heit von britischen Staatsanleihen. Die Märkte erwarten nicht, dass der britische Staatshaushalt negativ von einem Brexit beeinflusst würde. In anderen Ländern zeigt sich dieser Effekt einer Flucht in Staatspapiere nicht, auch nicht bei deutschen Staatsanleihen. Drittens überrascht, dass kein Effekt auf den Euro/US-Dollar-Wechselkurs zu beobachten ist. Dies scheint darauf hinzudeuten, dass die Marktteilnehmer den Brexit nicht als eine Bedrohung für die gemeinsame eu­ropäische Währung wahrnehmen. Offenbar wird sorgfältig unterschieden zwischen dem Austritt Großbritanniens aus der EU und dem Austritt aus dem Euroraum, des­sen Mitglied Großbritannien nie war.

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Stefanie Müller
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Verknüpfte Publikationen

Cover_IWH-Online_2016_en.jpg

Brexit (Probability) and Effects on Financial Market Stability

Thomas Krause Felix Noth Lena Tonzer

in: IWH Online , 5, 2016

Abstract

On 23 June 2016, there will be a referendum in the United Kingdom (UK) on the stay of the country in the European Union (EU). Based on recent poll data, the share of supporters and opponents of an exit varies around 50%. Opponents of the UK breaking up with Brussels („Brexit“) refer to high costs in terms of stagnating economic growth if the UK leaves the EU. The risk of reduced trade, declining foreign direct investment, and a lower degree of financial market integration is high following an exit of the “single market”.

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