Brexit – ein ökonomisches Desaster?

Dossier

 

Auf den Punkt

Großbritanniens Abschied aus der Europäischen Union ist ein politisches und ökonomisches Abenteuer. Premierministerin Theresa May muss den Ausstieg organisieren, ohne dass die Wirtschaft in einen Abwärtssog gerät oder das Land auseinanderbricht. Das IWH analysiert, wie die Märkte auf den Brexit reagieren und welche ökonomischen Szenarien wahrscheinlich sind.

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Europäisches Neuland

Großbritanniens Abschied aus der Europäischen Union ist ein politisch hochexplosives Thema. Denn er wirft Fragen mit vielen Unbekannten auf:

Welche Strategie wird Theresa May verfolgen, wie viel Verhandlungsspielraum überlässt ihr die EU? Gibt es eine Zukunft für Schottland in der Europäischen Union - und besteht gar die Gefahr, dass das Vereinigte Königreich zerbricht? Was geschieht mit dem Finanzplatz London? Wird der Brexit der Fusion der London Stock Exchange mit der Deutschen Börse Steine in den Weg legen?

Diese Fragen müssen auf der politischen Bühne schnellstmöglich beantwortet werden. Spätestens jetzt, da klar ist, dass der Austrittsprozess ab März offiziell beginnt. Klar ist aber auch, dass vor allem die wirtschaftlichen Konsequenzen derzeit noch nicht abzuschätzen sind und sowohl Großbritannien als auch die EU, schon allein finanziell, gut beraten wären, sich schnellstmöglich zu verständigen.

Schon vor dem Referendum hatte eine Studie am IWH nahegelegt, dass das englische Pfund stark auf einen Austritt der Briten reagieren würde. Bei einer steigenden Wahrscheinlichkeit eines Brexit über 50% prognostizierten die Forscher um Thomas Krause eine erhebliche Abwertung des Pfunds gegenüber anderen Währungen, einschließlich dem Euro. Darüber hinaus sagten sie einen starken Einbruch der Bankaktienkurse voraus. „Die Märkte glauben offenbar, dass der Finanzsektor in Großbritannien und der EU ernsthaft von einem Brexit betroffen sein wird“, so Reint E. Gropp, Präsident des IWH. Und genauso kam es: Das Pfund kostete zeitweise unter 1,28 US-Dollar – der tiefste Wert seit 1985. Die Bankaktien der britischen Häuser mussten zum Teil Verluste von über 20% hinnehmen, und der Handel mit mehreren Aktien wurde kurzzeitig sogar ausgesetzt.

Ebenfalls vor dem Referendum wiesen die Märkte bereits große Schwankungen auf. „Das bereitete uns ernsthafte Sorgen“, führt Gropp an. „Denn diese Turbulenzen spiegeln die Unsicherheit wider, die mit einem Brexit verbunden sind.“

Obgleich Unsicherheit bereits vor dem Votum zu spüren war, kam das Ergebnis am 23. Juni für viele Menschen überraschend. Denn ob es den Briten bewusst war oder nicht: Das Ausscheiden ihres Landes wird tiefgreifende politische und wirtschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen. „Entscheidend ist jetzt die Reaktion der anderen Mitgliedstaaten, insbesondere die Frankreichs und Deutschlands“ sagt Gropp. „Kurzfristig ist aber mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen, dass es auf beiden Seiten zu Wohlfahrtsverlusten kommen wird.“ Denn Großbritannien führt 45% seiner Gesamtexporte an Gütern und Dienstleistungen in die restliche EU aus, hingegen sind nur 6% der Exporte aus der EU für Großbritannien bestimmt.

Langfristig ist natürlich auch das allgemeine wirtschaftliche Klima zwischen der EU und Großbritannien relevant. Aber auch hier ist noch vieles unklar. Handelsbeziehungen mit etwa 60 Drittländern müssen die Briten neu verhandeln, und auch ihr eigener Status gegenüber der EU ist nach diesem politischen Machtspiel alles andere als sicher. Denn die EU muss weiterer Desintegration und antieuropäischen Strömungen in ihren Mitgliedstaaten entgegentreten, allein schon, um sich selbst zu erhalten.

Publikationen

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IWH-Präsident: Warum der Finanzplatz London erhalten bleibt. Drei Argumente.

Reint E. Gropp

in: Einzelveröffentlichungen , 2016

Abstract

„Der Finanzplatz London wird trotz Brexit seine dominante Position in Europa behalten. Das hat zum einen die Einführung des Euro gelehrt, liegt aber auch an den maßgeblichen Standortfaktoren Londons: der Größe der Stadt, der regulatorischen Umgebung und dem Humankapital“, so Professor Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

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Kommentar: Großbritanniens Nein zur EU wird für beide Seiten teuer

Reint E. Gropp

in: Wirtschaft im Wandel , Nr. 3, 2016

Abstract

Die Briten haben sich überraschend klar gegen einen Verbleib ihres Landes in der Europäischen Union entschieden. Das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU hat nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch tiefgreifende Konsequenzen für das Land selbst, aber auch für das übrige Europa. Entscheidend ist jetzt die Reaktion der verbleibenden Länder auf das Votum, insbesondere die Frankreichs und Deutschlands.

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Aktuelle Trends: Turbulenzen an den Finanzmärkten vor und nach dem Brexit-Referendum

Lena Tonzer

in: Wirtschaft im Wandel , Nr. 3, 2016

Abstract

Das Votum der britischen Bevölkerung, den EU-Verbund verlassen zu wollen, hat zu Turbulenzen auf den Finanzmärkten geführt. Bereits vor dem Referendum am 23. Juni 2016 war ein starker Rückgang der Kurse britischer Bankaktien zu beobachten, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Brexits in den Umfragen über 50% stieg, verbunden mit einer Abwertung des britischen Pfunds gegenüber den meisten anderen wichtigen Währungen einschließlich des Euro.

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Brexit (Probability) and Effects on Financial Market Stability

Thomas Krause Felix Noth Lena Tonzer

in: IWH Online , Nr. 5, 2016

Abstract

On 23 June 2016, there will be a referendum in the United Kingdom (UK) on the stay of the country in the European Union (EU). Based on recent poll data, the share of supporters and opponents of an exit varies around 50%. Opponents of the UK breaking up with Brussels („Brexit“) refer to high costs in terms of stagnating economic growth if the UK leaves the EU. The risk of reduced trade, declining foreign direct investment, and a lower degree of financial market integration is high following an exit of the “single market”.

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