25 Jahre IWH

Brexit – ein ökonomisches Desaster?

Dossier

 

Auf den Punkt

Großbritanniens Abschied aus der Europäischen Union ist ein politisches und ökonomisches Abenteuer. Premierministerin Theresa May muss den Ausstieg organisieren, ohne dass die Wirtschaft in einen Abwärtssog gerät oder das Land auseinanderbricht. Das IWH analysiert, wie die Märkte auf den Brexit reagieren und welche ökonomischen Szenarien wahrscheinlich sind.

Unser Experte

 

Europäisches Neuland

Großbritanniens Abschied aus der Europäischen Union ist ein politisch hochexplosives Thema. Denn er wirft Fragen mit vielen Unbekannten auf:

Welche Strategie wird Theresa May verfolgen, wie viel Verhandlungsspielraum überlässt ihr die EU? Gibt es eine Zukunft für Schottland in der Europäischen Union - und besteht gar die Gefahr, dass das Vereinigte Königreich zerbricht? Was geschieht mit dem Finanzplatz London?

Diese Fragen müssen auf der politischen Bühne schnellstmöglich beantwortet werden. Spätestens jetzt, da klar ist, dass der Austrittsprozess offiziell begonnen hat. Klar ist aber auch, dass vor allem die wirtschaftlichen Konsequenzen derzeit noch nicht abzuschätzen sind und sowohl Großbritannien als auch die EU, schon allein finanziell, gut beraten wären, sich schnellstmöglich zu verständigen.

Schon vor dem Referendum hatte eine Studie am IWH nahegelegt, dass das englische Pfund stark auf einen Austritt der Briten reagieren würde. Bei einer steigenden Wahrscheinlichkeit eines Brexit über 50% prognostizierten die Forscher um Thomas Krause eine erhebliche Abwertung des Pfunds gegenüber anderen Währungen, einschließlich dem Euro. Darüber hinaus sagten sie einen starken Einbruch der Bankaktienkurse voraus. „Die Märkte glauben offenbar, dass der Finanzsektor in Großbritannien und der EU ernsthaft von einem Brexit betroffen sein wird“, so Reint E. Gropp, Präsident des IWH damals. Und genauso kam es: Das Pfund kostete zeitweise unter 1,28 US-Dollar – der tiefste Wert seit 1985. Die Aktien der britischen Bankhäuser mussten zum Teil Verluste von über 20% hinnehmen, und der Handel mit mehreren Aktien wurde kurzzeitig sogar ausgesetzt.

Die Kursschwankungen auf den Aktienmärkten erreichten vor dem Referendum Rekordwerte. „Diese Turbulenzen spiegelten die Unsicherheiten wider, die mit der Entscheidung für einen Brexit verbunden waren und sind,“ führt Gropp an.

Obgleich Unsicherheit bereits vor dem Votum zu spüren war, kam das Ergebnis am 23. Juni für viele Menschen überraschend. Denn ob es den Briten bewusst war oder nicht: Das Ausscheiden ihres Landes wird tiefgreifende politische und wirtschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen. „Entscheidend ist jetzt die Reaktion der anderen Mitgliedstaaten, insbesondere die Frankreichs und Deutschlands“ sagt Gropp. „Kurzfristig ist aber mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen, dass es auf beiden Seiten zu Wohlfahrtsverlusten kommen wird.“ Denn Großbritannien führt 45% seiner Gesamtexporte an Gütern und Dienstleistungen in die restliche EU aus, hingegen sind nur 6% der Exporte aus der EU für Großbritannien bestimmt.

Langfristig ist natürlich auch das allgemeine wirtschaftliche Klima zwischen der EU und Großbritannien relevant. Aber auch hier ist noch vieles unklar. Handelsbeziehungen mit etwa 60 Drittländern müssen die Briten neu verhandeln, und auch ihr eigener Status gegenüber der EU ist nach diesem politischen Machtspiel alles andere als sicher. Denn die EU muss weiterer Desintegration und antieuropäischen Strömungen in ihren Mitgliedstaaten entgegentreten, allein schon, um sich selbst zu erhalten.

Publikationen

EFN Report Autumn 2016: Economic Outlook for the Euro Area in 2017 and 2017

European Forecasting Network

in: European Forecasting Network Reports , Nr. 3, 2016

Abstract

During the first half of 2016, investment activity of private firms was weak in most advanced economies and labour producitivity was even decreasing, as was world trade in goods. Consumption of private households, however, kept the world economy afloat. Within this global context, the modest recovery of the euro area economy continues, with important tailwinds from labour markets. Employment ist expanding everywhre, even in those countries, such as France and Italy, where unemployment rates have still not come down significantly. Since monetary and fisical policies will not become more expansive in 2017, the stimulus from cheap oil is fading, and exports to the UK will be dragged down by the fallout of the Brexit votem there is reason to expect the euro area recovery to lose some momentum. GDP will, according to our forecast, increase by 1,6% in this year and by 1,5% in 2017, about as much as potential output in the euro area. Our inflation forecast for 2016 is 0,2%. For 2017, we expect inflation to increase up to 1,2%, as during next year the favourable effects of decreasing energy prices will fade off.

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IWH-Präsident: Warum der Finanzplatz London erhalten bleibt. Drei Argumente.

Reint E. Gropp

in: Einzelveröffentlichungen , 2016

Abstract

„Der Finanzplatz London wird trotz Brexit seine dominante Position in Europa behalten. Das hat zum einen die Einführung des Euro gelehrt, liegt aber auch an den maßgeblichen Standortfaktoren Londons: der Größe der Stadt, der regulatorischen Umgebung und dem Humankapital“, so Professor Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

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Kommentar: Großbritanniens Nein zur EU wird für beide Seiten teuer

Reint E. Gropp

in: Wirtschaft im Wandel , Nr. 3, 2016

Abstract

Die Briten haben sich überraschend klar gegen einen Verbleib ihres Landes in der Europäischen Union entschieden. Das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU hat nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch tiefgreifende Konsequenzen für das Land selbst, aber auch für das übrige Europa. Entscheidend ist jetzt die Reaktion der verbleibenden Länder auf das Votum, insbesondere die Frankreichs und Deutschlands.

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Aktuelle Trends: Turbulenzen an den Finanzmärkten vor und nach dem Brexit-Referendum

Lena Tonzer

in: Wirtschaft im Wandel , Nr. 3, 2016

Abstract

Das Votum der britischen Bevölkerung, den EU-Verbund verlassen zu wollen, hat zu Turbulenzen auf den Finanzmärkten geführt. Bereits vor dem Referendum am 23. Juni 2016 war ein starker Rückgang der Kurse britischer Bankaktien zu beobachten, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Brexits in den Umfragen über 50% stieg, verbunden mit einer Abwertung des britischen Pfunds gegenüber den meisten anderen wichtigen Währungen einschließlich des Euro.

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EFN Report Summer 2016: Economic Outlook for the Euro Area in 2016 and 2017

European Forecasting Network

in: European Forecasting Network Reports , Nr. 3, 2016

Abstract

Short run consequences of Brexit for the euro area economy mainly depend on the effects on confidence in the stability of the European Union and the currency area in particular. Anti-European (or indeed anti-globalization) movements are certainly encouraged by the British vote. More important, however, might be a reverse effect: from the perspective of the British turmoil, the euro area might in the near future appear as a zone of relative stability and calm. Against the background of a sluggish world economy, the euro area economy recently performed reasonably well: dynamics have been slowly increasing since 2013, and the rate of expansion in the first quarter of 2016 was one of the highest of the past couple of years. Looking forward, the drivers of the recovery should continue supporting growth in the second half of 2016 and for much of 2017. Our forecast is that euro area GDP will expand by 1.7% in 2016 and by 1.6% in 2017, with only a minor effect from Brexit. This year, like in 2015, average oil prices will probably be markedly lower than they were a year ago, supporting real incomes of private households and lowering production costs of firms, and monetary policy will still be supportive. Labour markets appear to continue improving slowly. Associated with the improved economic conditions, we expect a slight increase in euro area inflation during 2016, 0.3%, with a more marked increase in 2017, 1,3%.

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