25 Jahre IWH

Krisengeschütteltes Europa

Wirtschafts-, Flüchtlings- und Vertrauenskrise. Die EU muss noch immer an vielen Fronten gleichzeitg kämpfen.

Dossier

 

Auf den Punkt

Es war das Jahr 2007, als die Immobilienblase in den USA platzte und die Weltwirtschaftskrise ihren Anfang nahm. Mit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers 2008 erreichte die Finanzkrise zunächst einen ersten Höhepunkt. Doch für die Europäische Union war die Gefahr noch lange nicht gebannt: Die Milliardensummen an Steuermitteln, die aufgewendet werden mussten, um Banken vor der Insolvenz zu bewahren, führten die europäischen Staaten schon bald in eine Schulden- und kurz darauf in die Eurokrise. Besonders Griechenland hatte mit Vertrauensverlusten auf den internationalen Finanzmärkten zu kämpfen - wovon Deutschland im Übrigen deutlich profitierte.

Unser Experte

 

Europäische Entscheidungsträger sahen sich mit großen Herausforderungen konfrontiert, allen voran die Europäische Zentralbank (EZB). Um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, verfolgt sie nun schon seit Jahren eine viel kritisierte exzessive Niedrigzinspolitik, bei der jedoch davon auszugehen ist, dass sie den deutschen Haushalten zugutekommt. Seit 2015 kauft die EZB Anleihen europäischer Institutionen und Staaten - eine Maßnahme, für die es gute Gründe gibt. Seit Juni 2016 kauft sie darüber hinaus auch Unternehmensanleihen und veröffentlichte im Juli 2016 die Ergebnisse der zweiten Stresstestrunde.

"Die EZB ist eine der wenigen Institutionen, die zur Lösung beiträgt."

Es zeigt sich: Die EZB ergreift konkrete Maßnahmen, um wieder Schwung und mehr Sicherheit in die europäische Wirtschaft zu bringen. "Sie ist eine der wenigen Institutionen, die zur Lösung beiträgt", so Reint E. Gropp, Präsident des IWH. "Aber für eine nachhaltige Lösung bedarf es eines noch viel entschiedeneren Handelns der Politik". Denn auch neuere Berechnungen des IWHs zeigen, dass beispielsweise die Reserven der europäischen Banken bei der EZB steigen - ein sehr ungewöhnlicher Umstand.

Die Flüchtlingskrise ist die zweite große Baustelle der EU. Mangelnde Kooperation zwischen den Mitgliedstaaten ließen die humanitäre Krise sich immer weiter ausbreiten und verschärfen. Und auch das Abkommen mit der Türkei scheint noch immer auf wackligen Beinen zu stehen. Die führenden Politiker in Europa müssen nun schnell Lösungen für die vielen Herausforderungen finden, die sich durch die Flüchtlingsmigration ergeben haben: humanitäre Hilfe, Verteilung (siehe auch hier) und Arbeitsmarktintegration der Zuwanderer. Doch auch die Wissenschaft muss Analysen und Lösungsmöglichkeiten liefern. So hat sich beispielsweise der Forschungsverbund "Krisen einer globalisierten Welt" der Leibniz-Gemeinschaft dem Thema Flüchtlingskrise angenommen.

An dritter Front kämpft die EU mit dem schwindenden Vertrauen ihrer Bürger. Neben der Popularität euroskeptischer Parteien in den Mitgliedstaaten hat sich die Vertrauenskrise mit dem Brexit bereits ein Stück weit manifestiert. Ein weiteres Auseinanderbrechen der EU kann aber nur verhindert werden, wenn sich die führenden Politiker Europas, allen voran der neue proeuropäische französische Präsident Emmanuel Macron und Angela Merkel, klar positionieren. Mit der Wahl Donald Trumps in den USA kam aber auch hier noch ein weiterer Unsicherheitsfaktor für Europa hinzu.

Krisen sind auch immer eine Chance für Veränderungen. Dass es in der EU in vielerlei Hinsicht Verbesserungspotenziale gibt, ist kein Geheimnis. Vielleicht vermögen die Krisen Europas daher wichtige Änderungsprozesse endlich anzustoßen: Verbesserungen in der demokratischen Legitimation der EU-Institutionen, weniger Regulierung in Arbeits- und Produktmärkten, ein Abbau der Bürokratie sowohl in der EU als auch in den Mitgliedsländern, eine weitgehende Umsetzung der Kapitalmarktunion und eine neue Gewichtung der EU-Ausgaben. Nur so kann die EU zukunftsfähig werden, gerüstet für zukünftige Finanzkrisen, mit oder ohne Großbritannien und gestärkt durch einen neuen Zusammenhalt.

Aktuelle IWH-Publikationen

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Von der Transformation zur europäischen Integration: Auf dem Weg zu mehr Wachstumsdynamik – ein Tagungsbericht

Gerhard Heimpold

in: Wirtschaft im Wandel , Nr. 2, 2016

Abstract

Unter dem Titel „Von der Transformation zur europäischen Integration: Auf dem Weg zu mehr Wachstumsdynamik“ hat das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) gemeinsam mit Partnern aus Universitäten in Mitteldeutschland am 22. Februar 2016 Forschungsergebnisse zu den Folgen des Strukturwandels, zur Erzielung von mehr Wachstums­dynamik und den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen hierfür präsentiert.

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EFN Report Spring 2016: Economic Outlook for the Euro Area in 2016 and 2017

European Forecasting Network

in: European Forecasting Network Reports , Nr. 2, 2016

Abstract

Global growth will stay rather moderate this year. The peak of the upswing in the US appears to be over. For Japan, after three years of “Abenomics”, a prolonged upswing is still elusive. In China low profitability and high debt levels of many government-owned industrial firms continue to drag growth down. The low prices for commodities heighten uncertainty and volatility on financial markets since they increase the risks of financial crises in economies that are dependent on commodity exports. In the euro area, chances for the recovery to continue are good, as this year, like in 2015, oil prices will probably be markedly lower than they were a year ago, supporting real income of private households and lowering production costs of firms. In this context, our forecast is that euro area GDP will expand by 1.6% in 2016 and by 1.7% in 2017. These rates are higher than the rate of potential growth, but they are arguably low given the expansive monetary policy and the strong stimulus from decreased commodity prices. We do not expect an increase in euro area inflation during 2016, but prices will grow by around 1% in 2017, because the dampening effects of decreasing energy prices slowly fade off and the euro remains rather weak. However, risks for this cautiously optimistic forecast are substantial. New shadows on the financial sector, the uncertainty about whether or not the British will vote in favour of membership in the European Union and the lack of a viable political solution for the refugee crisis are some of the main uncertainties behind these forecasts.

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EZB-Kritik allein ist noch keine Lösung

Reint E. Gropp

in: Einzelveröffentlichungen , Nr. 1, 2016

Abstract

Die Kritik an der EZB in Deutschland ist kontraproduktiv. Die Geldpolitik muss expansiv bleiben, damit die EZB ihrem Mandat zumindest ansatzweise gerecht wird. Das gebietet auch der Erhalt ihrer Glaubwürdigkeit. Die EZB muss nicht weniger, sondern Europas Politik muss mehr tun. Sie muss entschiedener handeln, um Europa wieder auf einen Wachstumspfad zu bringen. [Eine kürzere Version des Beitrags ist unter dem Titel “Kritik an Draghi ist noch keine Lösung“ erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 10 April 2016]. Die Politik, auch die deutsche, darf sich nicht länger ihrer Mitverantwortung für die gegenwärtige wirtschaftliche Lage in weiten Teilen Europas entziehen. Benötigt werden eine wachstumsfreundliche Fiskalpolitik, Strukturreformen zur Öffnung neuer Märkte und eine Konsolidierung und Restrukturierung des Finanzsektors. Dabei müssen vor allem wir in Deutschland uns den Spiegel vorhalten – denn die meisten dieser Reformen benötigen wir genauso dringend wie unsere europäischen Nachbarn.

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Multidimensional Well-being and Regional Disparities in Europe

Jörg Döpke A. Knabe Cornelia Lang Philip Maschke

in: IWH-Diskussionspapiere , Nr. 13, 2016

Abstract

Using data from the OECD Regional Well-Being Index – a set of quality-of-life indicators measured at the sub-national level, we construct a set of composite well-being indices. We analyse the extent to which the choice of five alternative aggregation methods affects the well-being ranking of regions. We find that regional inequality in these composite measures is lower than regional inequality in gross-domestic product (GDP) per capita.

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“The German Saver” and the Low Policy Rate Environment

Reint E. Gropp Vahid Saadi

in: IWH Online , Nr. 9, 2015

Abstract

It is widely claimed that “the German saver” suffers (i.e. generates significantly lower returns on her savings) in the low interest environment that Germany currently experiences relative to a high interest rate environment. With “low interest rate environment”, the observers tend to mean “low policy rates”, i.e. the European Central Bank’s (ECB) main refinancing rate.

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