25 Jahre IWH

Neues Europa

Die Wirtschaftskrise ist weitgehend überwunden, doch das Vertrauen in die EZB und die EU scheint weiterhin niedrig. An Herausforderungen mangelt es dank Brexit und Populismus derzeit also nicht – aber auch nicht an visionärem Aufwind in einigen Teilen Europas.

Dossier

 

Auf den Punkt

Milliardensummen an Steuermitteln wurden für die Rettung der Banken aufgewendet, seit 2008 die Finanzkrise ausbrach. Von der Schulden- zur Eurokrise stürzte die EU von einem Tiefpunkt zum nächsten. Besonders Griechenland hatte mit Vertrauensverlusten auf den internationalen Finanzmärkten zu kämpfen – wovon Deutschland im Übrigen deutlich profitierte. 2015 folgte die Flüchtlingskrise, 2016 das Brexit-Referendum in Großbritannien und die Wahl Donald Trumps. Aber auch neue Visionäre betraten die internationale Bühne, darunter der neue französische Staatspräsident Emmanuel Macron.

Unser Experte

Um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, verfolgt die Europäische Zentralbank (EZB) nun schon seit Jahren eine viel kritisierte exzessive Niedrigzinspolitik, bei der jedoch davon auszugehen ist, dass sie den deutschen Haushalten zugutekommt. Seit 2015 kauft die EZB Anleihen europäischer Institutionen und Staaten – eine Maßnahme, für die es gute Gründe gibt. Seit Juni 2016 kauft sie darüber hinaus auch Unternehmensanleihen und veröffentlichte im Juli 2016 die Ergebnisse der zweiten Stresstestrunde.

"Die EZB ist eine der wenigen Institutionen, die zur Lösung beiträgt."

Es zeigt sich: Die EZB ergreift konkrete Maßnahmen, um wieder Schwung und mehr Sicherheit in die europäische Wirtschaft zu bringen. "Sie ist eine der wenigen Institutionen, die zur Lösung beiträgt", so Reint E. Gropp, Präsident des IWH.  "Aber für eine nachhaltige Lösung bedarf es eines noch viel entschiedeneren Handelns der Politik". Ein harmonisierender Schritt für die Finanzregulierung, stellt die Europäische Bankenunion dar. Die Länder sind jedoch unterschiedlich schnell dabei, Reformen umzusetzen und die Aufsicht an EU-Institutionen abzugeben.

Die Flüchtlingskrise ist die zweite große Baustelle der EU. Mangelnde Kooperation zwischen den Mitgliedstaaten ließen die humanitäre Krise sich immer weiter ausbreiten und trotz Türkei-Abkommen bleibt die Immigration und Verteilung der Geflüchteten bis heute ein kritisches Thema. Die Arbeitsmarktintegration der Zuwanderer, gerade in Deutschland, bleibt eine politische Herausforderung für Jahrzehnte. Doch auch die Wissenschaft muss Analysen und Lösungsmöglichkeiten liefern. So hat sich beispielsweise der Forschungsverbund "Krisen einer globalisierten Welt" der Leibniz-Gemeinschaft dem Thema Flüchtlingskrise angenommen.

Migration war und ist auch Dauerthema, wenn es um den Brexit geht. Doch die Entscheidung der Briten, aus der EU auszutreten, berührt auch andere wirtschaftliche Dimensionen: Schon vor dem Referendum hatte eine Studie am IWH nahegelegt, dass das englische Pfund stark auf einen Austritt der Briten reagieren würde. Bei einer steigenden Wahrscheinlichkeit eines Brexit über 50% prognostizierten die Forscher um Thomas Krause eine erhebliche Abwertung des Pfunds gegenüber anderen Währungen, einschließlich dem Euro. Die Kursschwankungen auf den Aktienmärkten erreichten vor dem Referendum dann Rekordwerte. „Diese Turbulenzen spiegelten die Unsicherheiten wider, die mit der Entscheidung für einen Brexit verbunden waren und sind,“ führt Gropp an. Das Schicksal des Finanzplatzes London sieht der Präsident allerdings gelassen: „Der Finanzplatz London wird trotz Brexit seine dominante Position in Europa behalten. Das hat zum einen die Einführung des Euro gelehrt, liegt aber auch an den maßgeblichen Standortfaktoren Londons: der Größe der Stadt, der regulatorischen Umgebung und dem Humankapital.“

An dritter Front kämpft die EU um das Vertrauen ihrer Bürger. Während aber in der Vergangenheit einerseits die Popularitätswerte euroskeptischer Parteien stiegen oder nationalkonservative Parteien sogar einige Mitgliedsstaaten regieren, so scheint sich aber auch die EU neu zu erfinden: Sowohl der Brexit als auch die Wahl Donald Trumps in den USA haben die EU nicht zerbrochen. Ganz im Gegenteil. Mit Emmanuel Macron ist nicht nur ein überzeugter Europäer an die politische Spitze Frankreichs geklettert. Auch in Sachen Verteidigung will die EU nun enger zusammenrücken.

Krisen sind immer eine Chance für Veränderungen. Dass es in der EU in vielerlei Hinsicht Verbesserungspotenziale gibt, ist kein Geheimnis. Vielleicht vermag der neue Schwung auch andere wichtige Änderungsprozesse endlich anzustoßen: Verbesserungen in der demokratischen Legitimation der EU-Institutionen, weniger Regulierung in Arbeits- und Produktmärkten, der Abbau von Bürokratie sowohl in der EU als auch in den Mitgliedsländern, die Umsetzung der Kapitalmarktunion und eine neue Gewichtung der EU-Ausgaben. Nur so kann die EU zukunftsfähig werden, gerüstet für zukünftige Finanzkrisen und gestärkt durch einen neuen Zusammenhalt.

Aktuelle IWH-Publikationen

EFN Report Winter 2017/18: Economic Outlook for the Euro Area in 2018 and 2019

European Forecasting Network - EFN

in: European Forecasting Network Reports , Nr. 1, 2018

Abstract

With advanced economies likely to face over-utilization of economic capacities in 2018 for the first time since the Great Recession, companies will further expand their investment activities. Price and wage dynamics will pick up globally, triggered by the recent increase in energy prices. A major risk for the world economy pertains to financial markets: measures for risk tolareance and valuations for many types of assets have approached levels last reached ten years ago, on the eve of the financial crisis. A sudden readjustment of asset prices and risk premia could worsen financial conditions globally and seriously affect the global economy. The cyclical upswing of the euro area economy continues. The recovery, under way since summer 2013, transformed into an upswing in autumn 2016 when demand from outside the euro area increased quite abruptly; higher exports and improved expectations have contrinuted to induce firms to invest more into equipment. Wage dynamics in the euro area appear to increase, but only slowly. An annual growth rate for hourly wage costs of about 2% is still not enough to put upward pressure on prices, but this will change eventually as the cyclical upswing is likely to continue. Inflation will, according to our forecast, reach the ECB’s target of below but close to 2% in the second half of 2019. Conditions for further healthy growth in the euro area are in place, but employment dynamics might markedly lose momentum in some member countries in the second half of 2018, as the potential labour force is becoming more and more exhausted. Overall, we forecast euro area GDP to grow by 2.2% in 2018 and by 1.5% in 2019.

Publikation lesen

cover_DP_2017-24.jpg

Delay Determinants of European Banking Union Implementation

Michael Koetter Thomas Krause Lena Tonzer

in: IWH-Diskussionspapiere , Nr. 24, 2017

Abstract

To safeguard financial stability and harmonise regulation, the European Commission substantially reformed banking supervision, resolution, and deposit insurance via EU directives. But most countries delay the transposition of these directives. We ask if transposition delays result from strategic considerations of governments conditional on the state of their financial, regulatory, and political systems? Supervisors might try to protect national banking systems and local politicians maybe reluctant to surrender national sovereignty to deal with failed banks. Alternatively, intricate financial regulation might require more implementation time in large and complex financial and political systems. We therefore collect data on the transposition delays of the three Banking Union directives and investigate observed delay variation across member states. Our correlation analyses suggest that existing regulatory and institutional frameworks, rather than banking market structure or political factors, matter for transposition delays.

Publikation lesen

cover_nomos_how_can_we_boost.jpg

How Can We Boost Competition in the Services Sector?

Oliver Holtemöller

in: Externer Herausgeberband, Nomos , 2017

Abstract

„Wie können wir den Wettbewerb im Dienstleistungssektor stärken?“ Dies ist eine Schlüsselfrage für eine größere Leistungsfähigkeit des ökonomischen Umfelds in Deutschland. Dieses Buch versammelt Konferenzbeiträge von Mitgliedern wissenschaftlicher Einrichtungen, von Ministerien, der EU-Kommission und anderen Organisationen zu Reformen im Dienstleistungssektor. Die Konferenz umfasste einen Eröffnungsvortrag zur Bedeutung und Durchführung von Strukturreformen in Europa und zwei Gesprächsforen zur Bewertung vergangener Reformen im Dienstleistungssektor und zur möglichen Reichweite sowie zu den möglichen Auswirkungen weiterer Reformen. Die Zunahme der Produktivität ist seit den 1990er Jahren sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern der Europäischen Union deutlich geringer als in den USA. Es wird geschätzt, dass die Entwicklung des Produktivitätszuwachses im Dienstleistungssektor für zwei Drittel dieses zunehmenden Abstandes verantwortlich ist. Die Europäische Kommission spricht sich in ihren länderspezifischen Empfehlungen zu Deutschland für Reformen in diesem Sektor aus. Auf einer Konferenz im Juli 2016 in Berlin stellten Experten aus unterschiedlichen Bereichen Studien zu solchen Reformen vor und diskutierten deren Ergebnisse.

Publikation lesen

cover_wirtschaft-im-wandel_2017-3.jpg

Jamaika

Reint E. Gropp

in: Wirtschaft im Wandel , Nr. 3, 2017

Abstract

Deutschland hat gewählt. Die Wahl hat große Verluste für die Volksparteien SPD und CDU gebracht, beide sind auf historische Tiefststände in der Wählergunst gesunken. Zusammen haben CDU und SPD nur noch knapp 54% der Stimmen; der Tag, an dem eine so genannte Große Koalition keine Mehrheit mehr haben wird, scheint nicht mehr fern. Für die CDU waren die Verluste noch deutlich dramatischer als für die SPD, was aber nicht so sehr ins Gewicht fällt, weil die CDU noch immer stärkste Partei ist und die Kanzlerin stellen kann. Allerdings kann sie nicht alleine regieren. Nachdem die SPD sich zumindest vorläufig (wenn auch nicht völlig glaubwürdig) aus der Regierungsbildung verabschiedet hat, bleibt also nur eine Jamaika-Koalition zwischen CDU, FDP und den Grünen.

Publikation lesen

EFN Report Autumn 2017: Economic Outlook for the Euro Area in 2017 and 2018

European Forecasting Network - EFN

in: European Forecasting Network Reports , Nr. 4, 2017

Abstract

In 2017 the world economy is in an upswing, but consumer price inflation is still surprisingly low in advanced economies, and central banks will therefore keep key interest rates very low and financial conditions favorable for the rest of the year and, probably, for 2018. Global growth, though, will moderate a bit, since expansive policy measures in China have been reduced. As an early consequence, imports of emerging Asia were no more than stagnant during summer. The upswing in the euro area is broad based, both regionally and with respect to the different components of aggregate demand, as investment has recently picked up markedly, partly due to construction of dwellings. From the production side, the level of capacity utilization in the manufacturing sector is clearly above its long-term average and rising further. Inflation will not have reached the ECB’s target rate of below but close to 2% at the end of 2018. The trend of a growing participation rate in labour markets and the amount of part-time and low quality jobs are some reasons why overall wage and price dynamics are still very moderate; the appreciation of the euro, the incorporation of technical innovations and a possible change in the consumer preferences for low-cost products could be other reasons. We forecast a GDP growth rate of 2.3% for 2017 and 1.9% for 2018. This year’s strong pickup of world trade means that net exports will, in spite of rather strong domestic demand, contribute positively to GDP growth in 2017, while the opposite holds for 2018, due to the significant appreciation of the Euro.

Publikation lesen
Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft LogoTotal-Equality-LogoWeltoffen Logo