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Die Bedeutung relativer Stärken für den BildungswegPage 2
Können relative Stärken durch Bildungspolitik beeinflusst werden?Page 3
Bildungspolitische ImplikationenPage 4
Endnoten All on one pageKönnen relative Stärken durch Bildungspolitik beeinflusst werden?
Könnte es sein, dass sich relative Stärken einfach vererben – etwa, weil es so etwas wie ein „Mathe-Gen“ gibt? Wenn ein großer Teil der Unterschiede in Mathe- und Sprachstärken tatsächlich auf solche vorgeburtlichen Faktoren zurückgeht – also auf genetische Ausstattung oder dynastische Neigungen zu bestimmten Fächern, etwa weil in einer Familie über Generationen technische Berufe dominieren –, dann wäre die intergenerationale Weitergabe relativer Stärken für die Bildungspolitik kaum beeinflussbar.
Unsere zentrale Frage lautet daher: Gibt es neben diesem nicht veränderbaren genetisch-dynastischen Teil auch einen umweltbedingten, prinzipiell veränderbaren Anteil an der Weitergabe relativer Stärken? Für die Politik heißt das konkret: Sind diese relativen Stärken formbar – also durch Unterrichtsqualität, schulische Schwerpunktsetzung oder andere Maßnahmen beeinflussbar –, oder sind sie weit- gehend festgelegt? Wenn politische Eingriffe die Zahl der MINT-Absolventinnen und -Absolventen erhöhen sollen, muss klar sein, ob und wie solche nachgeburtlichen Faktoren dauerhafte Wirkungen über Generationen entfalten können.
Um diese Frage empirisch zu beantworten, nutzen wir eine Instrumentvariablen-Schätzung (IV). Damit isolieren wir den Teil der elterlichen Mathe- oder Sprachstärke, der außerhalb der Familie entstanden ist – also nicht genetisch oder dynastisch, sondern durch das schulische Umfeld der Eltern selbst. Konkret betrachten wir, wie stark der relative Mathevorsprung der Eltern mit den durchschnittlichen Mathe- und Sprachleistungen ihrer damaligen Klassenkameraden und -kameradinnen zusammenhängt – ein Maß für die fachspezifische Qualität des Lernumfelds in der Grundschule (etwa durch bessere Mathelehrkräfte oder fachspezifische Schwerpunkte).
Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Stärke der Übertragung relativer Stärken von Eltern auf Kinder bleibt nahezu identisch, selbst wenn wir nur diese umweltbedingte Variation betrachten. Das bedeutet: Nicht nur angeborene Unterschiede, sondern auch Schule und Lernumfeld prägen die relativen Stärken – und diese Wirkungen setzen sich über Generationen fort. Damit zeigen unsere Ergebnisse: Wenn Bildungspolitik den Schwerpunkt zwischen Mathe und Sprache verändert, beeinflusst sie nicht nur die Stärken der heutigen Schülerinnen und Schüler, sondern auch jene ihrer Kinder.
Von relativen Stärken zu Bildungsentscheidungen
Zum Schluss kehren wir zur Frage zurück, wie Eltern den langfristigen Bildungsweg ihrer Kinder beeinflussen. Während sich Forschung und Politik oft darauf konzentrieren, mehr Menschen in MINT- Studiengänge und -Berufe zu bringen,6 ist die Rolle der Familien bei MINT-Entscheidungen bislang weniger beachtet worden.7 Im niederländischen System sind zwei Entscheidungspunkte zentral für die MINT-Entscheidungen: Erstens die Wahl der Schwerpunktfächer in der Sekundarstufe und zweitens die Studienfachwahl nach der Schulzeit.
Wie Abbildung 2 zeigt, haben Eltern mit relativem Mathevorsprung tendenziell eher Kinder, die MINT- Fächer wählen – analog wählen Kinder von Eltern mit relativem Sprachvorsprung häufiger Nicht-MINT- Fächer. Wie oben erwähnt, prägen Eltern die relativen Stärken von Jungen und Mädchen in ähnlicher Weise, was zu ähnlichen Mustern in der Schwerpunktwahl in der Sekundarstufe führt (linke Teilabbildung). Am Übergang ins Studium allerdings beeinflussen rela- tive Stärken die MINT-Wahl von Mädchen weniger stark als die von Jungen (rechte Teilabbildung). Das kann schließlich dazu beitragen, dass Frauen in MINT-Fächern und -Berufen seltener vertreten sind. Insgesamt zeigen unsere Ergebnisse, dass die Übertragung relativer Stärken über Generationen hinweg konkrete Folgen für die Bildungswege der Kinder hat.