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Wie sich die Klimapolitik auf die Einkommensungleichheit auswirken könnte

Der Klimawandel wirkt sich zunehmend auf die wirtschaftliche Entwicklung in aller Welt aus. Ärmere Haushalte sind dabei den Auswirkungen des Klimawandels stärker ausgesetzt und verletzlicher, sodass der Klimawandel die Ungleichheit wahrscheinlich noch verstärken wird. Politische Maßnahmen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen können eine Verschärfung des Klimawandels verhindern, schaffen aber auch ökonomische Gewinner und Verlierer. In diesem Beitrag werden die kombinierten Auswirkungen des Klimawandels und ausgewählter politischer Maßnahmen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen auf die wirtschaftliche Ungleichheit untersucht. Die Bewertung erfolgt anhand von acht Modellen für die integrierte Analyse von Klimawandel und wirtschaftlicher Entwicklung, die von verschiedenen Forscherteams unter Verwendung unterschiedlicher Annahmen und Methoden entwickelt wurden. Die Ergebnisse basieren auf historischen Daten und Zukunftsszenarien für zehn Länder in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Die Umsetzung einer ehrgeizigen Klimapolitik im Einklang mit dem Pariser Abkommen führt demnach zu einer geringeren Ungleichheit in der Zukunft als der Verzicht auf Maßnahmen zur Milderung des Klimawandels, auch wenn die Ungleichheit aufgrund der Kosten für die Reduzierung der Treibhausgasemissionen kurzfristig zunimmt. Die Verwendung der Einnahmen aus der Kohlenstoffbepreisung kann dazu beitragen, die Verteilungseffekte der Klimapolitik zu dämpfen und die Ungleichheit kurzfristig sogar zu verringern. Diese Ergebnisse unterstreichen die Rolle von Ausgleichsmechanismen bei der Gestaltung einer fairen und politisch durchsetzbaren Klimapolitik.

07. January 2026

Authors Marie Young-Brun

Contents
Page 1
Einsatz von Klima-Ökonomie-Modellen
Page 2
Messung der Ungleichheit
Page 3
Gerechtere Klimapolitik durch die Verwendung der Einnahmen aus der CO2-Bepreisung
Page 4
Endnoten All on one page

Der Klimawandel ist ein immer dringlicheres Thema. Da die Auswirkungen des Klimawandels zunehmen und weltweit spürbar werden, wird der Klimawandel wahrscheinlich mit einem anderen Schlüsselthema des 21. Jahrhunderts zusammenwirken: der Einkommensungleichheit. Mit der Verschärfung des Klimawandels erleiden die Volkswirtschaften Verluste durch negative Auswirkungen, zum Beispiel durch häufigere Extremereignisse wie Hitzewellen, Überschwemmungen oder Wirbelstürme. Ärmere Haushalte sind in der Regel stärker betroffen: Sie sind oft stärker exponiert und haben weniger Mittel, um sich zu schützen oder sich an die Klimaauswirkungen anzupassen. Dies bedeutet, dass der Klimawandel die Ungleichheit innerhalb der Länder wahrscheinlich verstärken wird.

Andererseits haben klimapolitische Maßnahmen, die auf die Verringerung der Treibhausgasemissionen und die Vermeidung des Klimawandels abzielen, ebenfalls Auswirkungen auf die Einkommensverteilung. So kann beispielsweise die Einführung einer Steuer auf fossile Brennstoffe die sozial schwächeren Haushalte unverhältnismäßig stark treffen, da diese Haushalte einen größeren Teil ihres Budgets für Energie ausgeben. Dies kann dazu führen, dass solche klimapolitischen Maßnahmen unpopulär werden und Widerstand provozieren, wie zum Beispiel im Fall der Gelbwesten-Bewegung, die sich 2018 in Frankreich nach einer Erhöhung der CO2-Steuer bildete. Um eine gerechte und politisch durchsetzbare Klimapolitik zu entwickeln, muss daher berücksichtigt werden, wie die verschiedenen Gruppen von der Energiewende und den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sein werden.

Einsatz von Klima-Ökonomie-Modellen zur Schätzung der Verteilungswirkungen von Klimapolitik

Um verschiedene Szenarien für die Klimapolitik und ihre Folgen zu untersuchen, haben Forscher an der Schnittstelle zwischen Klimaforschung und Wirtschaftswissenschaften ein spezielles Instrument entwickelt, nämlich Integrated Assessment Models (IAM). Ein IAM verbindet ein Modell der Volkswirtschaft mit einem Modell des Klimasystems. Wirtschaftliche Aktivitäten erzeugen Treibhausgasemissionen. Diese Emissionen erhöhen die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre, was zum Klimawandel beiträgt. Dieser hat wiederum sozio- ökonomische Auswirkungen. 

In der diesem Beitrag zugrunde liegenden Studie wird die Frage, wie sich die Klimapolitik auf die Ungleichheit innerhalb verschiedener Länder auswirken könnte, mit acht verschiedenen IAMs angegangen, die von verschiedenen Forscherteams bereitgestellt werden.1 Die Modelle basieren auf unterschiedlichen Annahmen und Methoden.2 Die Beantwortung ein und derselben Frage mit verschiedenen Modellen trägt zu einer robusteren Bewertung bei.

Szenarien für eine zukünftige Klimapolitik

Jedes der Modelle quantifiziert die Auswirkungen der Klimapolitik auf die Ungleichheit für zehn große Länder: Brasilien, China, Frankreich, Indien, Japan, Kanada, Mexiko, Russland, Südafrika und die Vereinigten Staaten. Es werden drei Szenarien untersucht. Im ersten Szenario werden nur geringe Anstrengungen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen unternommen, was bis zum Jahr 2100 zu einem Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um etwa 2,75°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau führt. Im zweiten Szenario wird eine Klimapolitik umgesetzt, mit der das Ziel des Pariser Abkommens, den globalen Temperaturanstieg deutlich unter 2°C zu halten, erreicht wird. Das dritte Szenario sieht ebenfalls eine Klimapolitik im Einklang mit dem Pariser Abkommen vor, untersucht aber zusätzlich den Effekt, wenn durch die Klimapolitik generierte Einnahmen – also die Erträge der Kohlenstoffbepreisung – verwendet werden, um die Auswirkungen auf die Ungleichheit zu verringern.

Suggested Reading

A Multi-Model Assessment of Inequality and Climate Change

Marie Young-Brun et al.

in: Research Square, 2024

Abstract

Climate change and inequality are critical and interrelated defining issues for this century. Despite growing empirical evidence on the economic incidence of climate policies and impacts, mainstream model-based assessments are often silent on the interplay between climate change and economic inequality. For example, all the major model comparisons reviewed in IPCC neglect within-country inequalities. Here we fill this gap by presenting a model ensemble of eight large-scale Integrated Assessment Models belonging to different model paradigms and featuring economic heterogeneity. We study the distributional implications of Paris-aligned climate target of 1.5 degree and include different carbon revenue redistribution schemes. Moreover, we account for the economic inequalities resulting from residual and avoided climate impacts. We find that price-based climate policies without compensatory measures increase economic inequality in most countries and across models. However, revenue redistribution through equal per-capita transfers can offset this effect, leading to on average decrease in the Gini index by almost two points. When climate benefits are included, inequality is further reduced, but only in the long term. Around mid-century, the combination of dried-up carbon revenues and yet limited climate benefits leads to higher inequality under the Paris target than in the Reference scenario, indicating the need for further policy measures in the medium term.

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Eine der größten Sorgen sowohl der aktuellen als auch der vorhergehenden Regierung ist es, in Deutschland wichtige Industrieproduktion zu erhalten beziehungsweise neu anzusiedeln. Dabei geht es um eine breite Palette von Sektoren: Halbleiter, Batterien, Chemie, Stahl, Pharmazeutika oder Elektroautos. Basierend auf diesem Ziel werden signifikante Subventionen gerechtfertigt, etwa Einzelsubventionen in Milliardenhöhe für individuelle Unternehmen (Intel, TSMC) oder generelle Vergünstigungen wie der Industriestrompreis. Deutschland ist mit dieser Sorge nicht allein; auch die USA, die EU, Indien, Indonesien und viele weitere Länder versuchen, Anreize für inländische Produktion zu schaffen.

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A Rear-mirror View to the 11th FIN-FIRE “Challenges to Financial Stability” Workshop

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Abstract

On September 25th, financial economists from all over the world travelled for the 11th time to Halle (Saale) to attend the annual FIN-FIRE Workshop at IWH. During two days, authors of ten papers covered a comprehensive overview of contemporary issues that pose potential challenges to the financial system, including data privacy in mortgage markets, climate risks in bond markets, synthetic risk transfers, the effects of geopolitical risks for lending, as well as granular perspectives on the transmission of monetary policy. An intense exchange of thoughts between authors, discussants, and the audience yielded genuinely new insights into the resilience and fragility of financial systems. 

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