Aktuell weniger Insolvenzen als üblich – Nach Ende der Ausnahmeregelungen und Staatshilfen Nachholeffekt zu erwarten

In Rezessionen steigt mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung üblicherweise die Zahl der Insolvenzen. Aktuell liegen die Insolvenzen in Deutschland jedoch trotz Corona-Krise unter ihrem langfristigen Trend. Die Hilfspakete des Staates und die Aussetzung der Insolvenzpflicht zeigen Wirkung. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hat geschätzt, wie viele Insolvenzen in welchen Branchen infolge der Corona-Rezession zu erwarten gewesen wären, wenn das übliche konjunkturelle Muster gegriffen hätte. Die Ergebnisse lassen vermuten, dass nach Auslaufen der Hilfen und Ausnahmeregelungen Insolvenzen nachgeholt werden dürften.

Autoren Oliver Holtemöller

Die Corona-Pandemie hat die deutsche Wirtschaft in eine tiefe Rezession getrieben. Von Mitte März 2020 an befanden sich weite Teile der Wirtschaft in einem Shutdown. Umsätze brachen schlagartig weg. Um vermehrten Unternehmensinsolvenzen vorzubeugen, wurden Ausnahmeregeln für die Anmeldung von Insolvenzen beschlossen. Sie sollten verhindern, dass Unternehmen nur aufgrund der Corona-Krise insolvent werden und dauerhaft verschwinden. Zusätzlich gewährte der Staat betroffenen Unternehmen finanzielle Hilfen.

Tatsächlich lagen die Unternehmensinsolvenzen in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Zeitraum Januar bis August 2020 insgesamt um 11% unter dem Vorjahreszeitraum. Auch in den Monaten September bis November dürften sie gemäß IWH-Insolvenztrend nicht merklich gestiegen sein. Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, dass die Insolvenzen in Deutschland seit vielen Jahren trendmäßig zurückgehen.

Das IWH berechnete daher zunächst, wie viele Insolvenzen bis August 2020 auf Basis der vergangenen Entwicklung zu erwarten gewesen wären – noch ohne Berücksichtigung der Corona-Rezession. Ergebnis: In den Monaten Januar bis August 2020 gab es 518 Insolvenzen weniger als prognostiziert. Bis zum Juli lag der Wert noch im Rahmen der üblichen Schwankungen; im August lag er jedoch deutlich darunter. „Im Vergleich zu der Prognose auf Basis der Entwicklung der Vorjahre ist die tatsächliche Anzahl der Unternehmensinsolvenzen außergewöhnlich niedrig“, sagt Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und stellvertretender Präsident des IWH.

Im zweiten Schritt bezog der IWH-Forscher die Corona-Rezession mit ein. Für seine Prognose der Insolvenzentwicklung bis Ende 2020 nutzte er den Zusammenhang, dass Unternehmensinsolvenzen zyklisch mit der Konjunktur verlaufen und mit etwa zwei Quartalen Verzögerung auf Schwankungen in der Bruttowertschöpfung reagieren.

Nach dieser Prognose wäre für die zweite Jahreshälfte 2020 mit einer deutlichen Zunahme der Unternehmensinsolvenzen zu rechnen, selbst wenn sich die Wirtschaft zügig wieder erholt. Für das Jahr 2020 werden insgesamt 19 037 Unternehmensinsolvenzen erwartet. Zu den gemeldeten 11 426 Insolvenzen bis einschließlich August 2020 würden demnach weitere 7 611 hinzukommen, wenn die Insolvenzdynamik dem üblichen konjunkturellen Muster folgte. Die absolut am stärksten betroffenen Wirtschaftsbereiche wären das Verarbeitende Gewerbe, das Baugewerbe, Handel, Verkehr und Lagerei, das Gastgewerbe sowie die Unternehmensdienstleister (vgl. Tabelle).

Die aktuellen Ausnahmeregelungen und staatlichen Hilfsprogramme dämpfen allerdings die Dynamik des Insolvenzgeschehens. Die tatsächlichen Insolvenzzahlen im Jahr 2020 dürften somit niedriger ausfallen als hier prognostiziert. „Einigen Unternehmen dürfte es gelingen, sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen und eine Insolvenz zu vermeiden, solange die Ausnahmen gelten. Komplett aufhalten werden die Ausnahmeregelungen und die Unternehmenshilfen die Insolvenzwelle jedoch nicht“, so Holtemöller.

Veröffentlichung
Oliver Holtemöller: Unternehmensinsolvenzen in Deutschland im Zuge der Corona-Krise, in: IWH, Wirtschaft im Wandel, Jg. 27 (1), 2021.

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