Hohe Insolvenzrisiken im Zuge des Corona-Shutdowns

Der Shutdown zur Eindämmung des Coronavirus erhöht die Wahrscheinlichkeit von Unternehmensinsolvenzen in erheblichem Ausmaß. Eine Untersuchung anhand von Jahresabschlussdaten der Jahre 2014 bis 2018 zeigt, dass in Deutschland 81% der Unternehmen nach einem Verlust von einem Zwölftel des Jahresumsatzes ihre Zinsausgaben nicht mehr aus dem laufenden Gewinn vor Zinsen und Steuern decken können; in Großbritannien sind es 73%.

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie haben viele Länder die wirtschaftliche Aktivität stark eingeschränkt und Unternehmensschließungen angeordnet. Mit dieser Maßnahme soll die Ausbreitung des Virus eingedämmt werden; allerdings gehen mit ihr hohe ökonomische Kosten einher. So geht der Umsatz der betroffenen Unternehmen deutlich zurück, während viele Kosten weiterlaufen. Insbesondere müssen Unternehmen ihre Kredite weiter bedienen und Zinsen bezahlen. Im Gastgewerbe lag der Umsatz in Deutschland und in Großbritannien bereits im März 2020 etwa 50% unter dem Vorjahresniveau. Das Verkehrswesen, Reisebüros und eine Reihe von Einzelhandelsbereichen sind ebenfalls stark betroffen. Je länger der Shutdown dauert, desto mehr Firmen geraten in finanzielle Schieflagen. Ein Maß für finanzielle Schieflagen ist das Verhältnis von Zinsausgaben und Gewinn vor Zinsen und Steuern (EBIT). Nach einem einmonatigen Shutdown übersteigen bei 81% der Unternehmen in Deutschland und bei 73% der Unternehmen in Großbritannien die Zinsausgaben den Gewinn vor Zinsen und Steuern (vgl. Tabelle). Wenn der Shutdown länger dauert, etwa drei Monate, dann können fast alle Unternehmen in den betroffenen Wirtschaftsbereichen ihre Zinsausgaben nicht mehr aus dem Gewinn decken und viele Unternehmen auch aus nicht direkt betroffenen Branchen werden in finanzielle Schieflagen geraten.

Sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien erhalten von der Krise betroffene Unternehmen finanzielle Hilfen. Insbesondere werden die Unternehmen bei den Lohnausgaben und Sozialversicherungskosten entlastet, in Deutschland etwa durch die erweiterten Regeln beim Kurzarbeitergeld. Dies lindert die Probleme ein wenig, ändert aber nicht viel an der Gesamtlage. Selbst wenn den Unternehmen während der gesamten Dauer des Shutdowns die kompletten Lohnkosten ersetzt werden, steigt das Insolvenzrisiko, gemessen anhand des Verhältnisses von Zinsausgaben und EBIT, auf 71% in Deutschland und auf 61% in Großbritannien. Es bestehen dabei Unterschiede zwischen den verschiedenen Größengruppen von Unternehmen; diese Unterschiede fallen angesichts der Dimension des Problems jedoch kaum ins Gewicht.

Die Insolvenzen werden voraussichtlich erst mit einiger Verzögerung auftreten, auch weil in Deutschland entsprechende Fristen ausgesetzt worden sind. Das volle Ausmaß der krisenbedingten Insolvenzen wird erst mit der Zeit sichtbar werden. Damit gehen große ökonomische Risiken einher. Eine Insolvenzwelle würde die wirtschaftliche Erholung bedrohen. Sie kann zu einem erneuten wirtschaftlichen Einbruch führen, nachdem die Lockerung der Shutdown-Maßnahmen zunächst zu einem Aufholprozess geführt hat. Dieses Risiko sollte bei der Gestaltung der weiteren Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie berücksichtigt werden.

Langfassung
Holtemöller, Oliver; Muradoglu, Yaz Gulnur: Corona Shutdown and Bankruptcy Risk. IWH Online 3/2020. Halle (Saale), 2020.

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Zugehörige Publikationen

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Corona Shutdown and Bankruptcy Risk

Oliver Holtemöller Yaz Gulnur Muradoglu

in: IWH Online, 3, 2020

Abstract

This paper investigates the consequences of shutdowns during the Corona crisis on the risk of bankruptcy for firms in Germany and United Kingdom. We use financial statements from the period 2014 to 2018 to predict how pervasive risk of bankruptcy becomes for micro, small, medium, and large firms due to shutdown measures. We estimate distress for firms using their capacity to service their debt. Our results indicate that under three months of shutdown almost all firms in shutdown industries face high risk of bankruptcy. In Germany, about 99% of firms in shutdown industries and in the UK about 98% of firms in shutdown industries are predicted to be under distress. The furlough schemes reduce the risk of bankruptcy only marginally to 97% of firms in shutdown industries in Germany and 95% of firms in shutdown industries in the United Kingdom in case of a three-month shutdown. In sectors that are not shutdown under conservative estimates of contagion of sales losses, our results indicate considerable risk of widespread bankruptcies ranging from 76% of firms in Germany to 69% of firms in the United Kingdom. These early findings suggest that the impact of corona crisis on corporate sector via shutdowns can be severe and subsequent policy should be designed accordingly.

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