Konjunktur aktuell: Konjunktur in der Welt und in Deutschland verliert an Dynamik

Im zweiten Halbjahr 2018 ist der Aufschwung der deutschen Wirtschaft ins Stocken geraten. Unabhängig von den Problemen der Automobilbranche schwächt sich das Auslandsgeschäft schon seit Beginn des Jahres ab, denn die internationale Konjunktur hat den hohen Schwung des Jahres 2017 nicht halten können, vor allem wegen der politischen Unsicherheiten, welche die Handelskonflikte, der nahende Brexit und der Konflikt um den italienischen Staatshaushalt mit sich bringen. „Es ist zu erwarten, dass das weniger freundliche außenwirtschaftliche Umfeld nicht nur die Exporte dämpft, sondern auch auf Investitions-entscheidungen und Personalpolitik der Unternehmen durchschlagen wird“, so die Einschätzung von Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Das Bruttoinlandsprodukt dürfte im Jahr 2018 um 1,5% sowie im Jahr 2019 um 1,4% und damit in etwa so stark wie die Produktionskapazitäten der deutschen Wirtschaft zulegen.

Autoren Oliver Holtemöller

Internationale Konjunktur

Ende des Jahres 2018 deutet vieles auf ein sachtes Ende des weltwirtschaftlichen Aufschwungs hin. Unternehmen schätzen schon seit Jahresbeginn ihre Lage im globalen Durchschnitt immer weniger günstig ein, und die Aktienkurse haben weltweit nachgegeben. Die wesentlichen Gründe für die zunehmend skeptischeren Blicke von Unternehmen und Finanzmarktteilnehmern auf das Jahr 2019 sind das Auslaufen expansiver Impulse von Seiten der Geld- und Finanzpolitik in den USA und die Fortsetzung der Handelskonflikte. Zwar haben sich die USA mit China Ende November auf ein dreimonatiges Stillhalteabkommen verständigt. Der Streit kann aber, wie der mit der Europäischen Union, bald wieder eskalieren. Insgesamt ist die Wirtschaftspolitik in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften im Jahr 2019 weniger expansiv ausgerichtet als im Jahr 2018. Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte aber, auch wegen des nach wie vor geringen Preisdrucks, erst gegen Ende des Jahres 2019 beginnen, die Leitzinsen auf Werte über 0% anzuheben. Die Finanzpolitik ist im Euroraum im Jahr 2019 expansiv ausgerichtet, ohne Italien aber nur leicht. Wegen der Handelskonflikte und auch, weil die Erweiterung der Produktion insbesondere in der Bauwirtschaft vielfach an Kapazitätsgrenzen stößt, expandiert die Weltproduktion im Jahr 2019 mit 3,0% und damit langsamer als in den Jahren zuvor.

Deutsche Konjunktur

Im zweiten Halbjahr 2018 ist der Aufschwung der deutschen Wirtschaft ins Stocken geraten. Im dritten Quartal sank die Produktion zum ersten Mal seit dreieinhalb Jahren. Der Rückschlag geht vor allem auf Probleme der Automobilbranche zurück: Viele Fahrzeugtypen waren nicht lieferbar, weil sie nicht nach dem neuen Abgas-Prüfverfahren zertifiziert waren. Allerdings hätte die Produktion wohl auch ohne diese Dämpfer langsamer expandiert als zuvor. Das Auslandsgeschäft schwächt sich schon seit Beginn des Jahres ab, denn die internationale Konjunktur hat den hohen Schwung des Jahres 2017 nicht halten können. Binnenwirtschaftlich dürfte sich aber der Aufschwung in Deutschland im Lauf des Jahres kaum verlangsamt haben. Ein Hauptgrund dafür sind die weiter günstigen Finanzierungsbedin­gungen. Sie werden aufgrund der expansiven Geldpolitik der EZB auch im Jahr 2019 günstig bleiben. Allerdings ist zu erwarten, dass das weniger freundliche außenwirtschaftliche Umfeld nicht nur die Exporte dämpft, sondern bald auch auf Investitionsentscheidungen und Personalpolitik der Unternehmen durchschlagen wird – zunächst wohl im Verarbeitenden Gewerbe, dann auch bei den Dienstleis­tern. Weiter bremsend wirkt zugleich der Fachkräftemangel am Bau, aber auch in anderen Branchen. Alles in allem ist damit zu rechnen, dass die Produktion im Jahr 2019 nur noch in etwa so stark zulegt wie die Produktionskapazitäten. Alles in allem steigt nach vorliegender Prognose das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland im Jahr 2018 um 1,5% und im Jahr 2019 um 1,4%.

Die Faktoren, welche die gesamtdeutsche Konjunktur dämpfen, gelten auch für Ostdeutschland. Knappheiten bei qualifizierten Arbeitskräften sind hier sogar eher noch gravierender als im Westen. Allerdings dürfte eine deutliche Expansion der verfügbaren Einkommen die ostdeutschen Haushalte veranlassen, ihre Konsum­ausgaben kräftig auszuweiten. Die Produktion in Ostdeutschland dürfte im Jahr 2019 mit 1,6% expandieren und die Arbeitslosenquote von 6,9% im Jahr 2018 auf 6,6% im Jahr 2019 sinken.

Die Risiken für die Konjunktur in Deutschland entsprechen im Wesentlichen denen für die Weltwirtschaft. Freilich haben die mit dem Brexit und dem Konflikt um den italienischen Staatshaushalt verbundenen Unsicherheiten für Deutschland als in beiden Fällen engem Handelspartner des jeweils betroffenen Landes eine beson­dere Bedeutung. Darüber hinaus würde die Einführung hoher US-Zölle auf Auto­mobilimporte wegen der großen Bedeutung der Branche hierzulande die deutsche Konjunktur wohl besonders treffen. Mit dem Automobilsektor sind noch andere Risiken verbunden: Es ist denkbar, dass der dortige Produktionseinbruch nicht nur auf die Zertifizierungsprobleme zurückging. Schließlich dürfte mit dieselgetrie­benen Fahrzeugen eine Produktklasse an Attraktivität eingebüßt haben, die für deutsche Anbieter besonders wichtig ist. Allgemeiner gesagt könnte ein von vielen Experten erwarteter Strukturwandel der Automobilindustrie rascher notwendig werden als hier unterstellt und schon kurzfristig die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland belasten.

Die Langfassung der Prognose (Konjunktur aktuell: Konjunktur in der Welt und in Deutschland verliert an Dynamik) enthält einen Kasten zu den Effekten der WLTP-Einführung auf die Kfz-Produktion aus europäischer Perspektive und einen Kasten zur Schätzung des Produktionspotenzials in Deutschland.

Langfassung
Brautzsch, Hans-Ulrich; Claudio, João Carlos; Drygalla, Andrej; Exß, Franziska; Heinisch, Katja; Holtemöller, Oliver; Kämpfe, Martina; Lindner, Axel; Müller, Isabella; Schultz, Birgit; Staffa, Ruben; Wieschemeyer, Matthias; Zeddies, Götz: Konjunktur aktuell: Konjunktur in der Welt und in Deutschland verliert an Dynamik. Konjunk­tur aktuell, Jg. 6 (4), 2018. Halle (Saale) 2018.

 

Ihr Kontakt

Für Wissenschaftler/innen

Für Journalistinnen/en

IWH-Expertenliste

Die IWH-Expertenliste bietet eine Übersicht der IWH-Forschungsthemen und der auf diesen Gebieten forschenden Wissenschaftler/innen. Die jeweiligen Experten für die dort aufgelisteten Themengebiete erreichen Sie für Anfragen wie gewohnt über die Pressestelle des IWH.

Zugehörige Publikationen

Deckblatt_4_2018_Konjunktur_aktuell.jpg

Konjunktur aktuell: Konjunktur in der Welt und in Deutschland verliert an Dynamik

Arbeitskreis Konjunktur des IWH

in: Konjunktur aktuell, 4, 2018

Abstract

Im zweiten Halbjahr 2018 ist der Aufschwung der deutschen Wirtschaft ins Stocken geraten. Dabei geht der leichte Rückgang des Bruttoinlandsprodukts im dritten Quartal vor allem auf Probleme der Automobilbranche zurück: Viele Fahrzeugtypen waren nicht lieferbar, weil die Zertifizierung nach dem neuen Abgas-Prüfverfahren fehlte. Allerdings schwächt sich das Auslandsgeschäft schon seit Beginn des Jahres ab, denn die internationale Konjunktur hat den hohen Schwung des Jahres 2017 nicht halten können, vor allem wegen der hohen politischen Unsicherheiten, welche die Handelskonflikte, der nahende Brexit und der Konflikt um den italienischen Staatshaushalt mit sich bringen. Binnenwirtschaftlich dürfte sich aber der Aufschwung in Deutschland im Lauf des Jahres kaum verlangsamt haben. Ein Hauptgrund dafür sind die weiter sehr günstigen Finanzierungsbedingungen. Sie werden aufgrund der expansiven Geldpolitik der EZB auch im Jahr 2019 günstig bleiben. Allerdings ist zu erwarten, dass das weniger freundliche außenwirtschaftliche Umfeld nicht nur die Exporte dämpft, sondern bald auch auf Investitionsentscheidungen und Personalpolitik der Unternehmen durchschlagen wird; zunächst wohl im Verarbeitenden Gewerbe, dann auch bei den Dienstleistern. Weiter bremsend wirkt zugleich der Fachkräftemangel am Bau, aber auch in anderen Branchen. Alles in allem ist damit zu rechnen, dass die Produktion im Jahr 2019 nur noch in etwa so stark zulegt wie die Produktionskapazitäten: Das Bruttoinlandsprodukt dürfte im Jahr 2018 um 1,5% und im Jahr 2019 um 1,4% steigen. Der gesamtstaatliche Haushaltsüberschuss beträgt im Jahr 2018 60 Mrd. Euro. Im Jahr 2019 verringert er sich auf 42 Mrd. Euro. Die ostdeutsche Wirtschaft dürfte in den Jahren 2018 und 2019 in etwa so schnell expandieren wie die gesamtdeutsche.

Publikation lesen
Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft LogoTotal-Equality-LogoGefördert durch das BMWK