Energiepreisschock dämpft Erholung – Inflation steigt

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute sehen die deutsche Konjunktur nach einem mehrjährigen Abschwung zwar in einer Erholungsphase, erwarten aber für 2026 nur eine moderate Zunahme des Bruttoinlandsprodukts von 0,6% und für 2027 von 0,9%. „Der Energiepreisschock im Zuge des Iran-Krieges trifft die Erholung hart, gleichzeitig stützt aber die expansive Fiskalpolitik die Binnenwirtschaft und verhindert ein stärkeres Abrutschen“, sagt Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef des ifo Instituts. Die Inflationsrate wird nach Einschätzung der Institute im Jahr 2026 auf durchschnittlich 2,8% ansteigen, im Jahr 2027 auf 2,9%.

Autoren Oliver Holtemöller

Während die gestiegene Inflation den privaten Konsum dämpft, sorgt die expansive Finanzpolitik für Impulse. Die kräftige Ausweitung der Neuverschuldung für Verteidigung, Infrastruktur und Klimaschutz stützt insbesondere Unternehmen der Verteidigungsindustrie und des Tiefbaus. Insgesamt entwickelt sich die Industrie dennoch wenig dynamisch, da deren Auslandsgeschäfte angesichts weiter abnehmender Wettbewerbsfähigkeit, hoher geopolitischer Unsicherheit und fortbestehender handelspolitischer Belastungen kaum zunehmen.

Mittelfristig rechnen die Institute damit, dass das Wachstum des Produktionspotenzials in Deutschland von derzeit 0,2% bis zum Ende des Jahrzehnts vollständig zum Erliegen kommt. Neben dem demographiebedingten Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter trägt dazu nach Einschätzung der Institute die sinkende Arbeitszeit je Erwerbstätigen bei. Dies liege vor allem daran, dass die Arbeitsleistung mehr und mehr von älteren Arbeitnehmern erbracht wird, die eine unterdurchschnittliche Wochenarbeitszeit haben. Diese strukturellen Veränderungen werden am Arbeitsmarkt durch konjunkturelle Faktoren überlagert. Die Institute erwarten einen leichten Rückgang der Erwerbstätigkeit im Jahr 2026 um rund 100 000 Personen, gefolgt von einem Anstieg im Jahr 2027 um etwa 42 000 Personen. Die Arbeitslosenquote steigt im Jahr 2026 auf 6,4%, bevor sie im Folgejahr auf 6,2% zurückgeht.

Die massive Neuverschuldung erhöht den Instituten zufolge das Defizit der öffentlichen Haushalte auf 3,7% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2026 und 4,2% im Jahr 2027; damit steigt der Bruttoschuldenstand auf 67,2% des BIP. Die Institute bewerten den fiskalischen Schub als wichtigen Konjunkturtreiber. Sie weisen jedoch auf die langfristigen Risiken für die Stabilität der Staatsfinanzen und die erheblichen Konsolidierungserfordernisse zum Ende des Jahrzehnts hin.

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute sprechen sich angesichts gestiegener Energiekosten gegen staatliche Eingriffe aus, die kurzfristig die Energiepreise senken, da damit wichtige Marktsignale außer Kraft gesetzt werden. Sie plädieren stattdessen für zielgerichtete soziale Ausgleichsmaßnahmen. Nach Ansicht der Institute ist eine Wachstumspolitik nötig, die regulatorisch bedingte Bremsen für private ökonomische Aktivität löst, um Potenzialreserven zu heben. Hierzu sollten sowohl die Arbeitsanreize gestärkt wie auch die Bedingungen für Investitionen und Innovationen verbessert werden.

Die Gemeinschaftsdiagnose wird erarbeitet vom DIW in Berlin, vom ifo Institut in München, vom Kiel Institut, vom IWH in Halle und vom RWI in Essen.

Anlage 
Langfassung des Gutachtens Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose: Energiepreisschock überlagert Fiskalimpuls – Wachstumskräfte versiegen. Frühjahr 2026. München 2026. 

Die Langfassung des Gutachtens ist am 1. April 2026 ab 10:00 Uhr unter www.gemeinschaftsdiagnose.de/category/gutachten/ abrufbar.

Über die Gemeinschaftsdiagnose 

Die Gemeinschaftsdiagnose wird zweimal im Jahr im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie erstellt. Am Frühjahrsgutachten 2026 haben mitgewirkt: 

  • Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)
  • ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V. in Kooperation mit dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO)
  • Kiel Institut für Weltwirtschaft
  • Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)
  • RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Kooperation mit dem Institut für Höhere Studien (IHS) Wien

Wissenschaftliche Ansprechpartner/in 

Professor Dr. Timo Wollmershäuser
ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V. 
Tel +49 89 9224 1406 
Wollmershaeuser@ifo.de 

Dr. Geraldine Dany-Knedlik 
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) 
Tel +49 30 89789 486 
GDanyknedlik@diw.de 

Professor Dr. Stefan Kooths 
Kiel Institut für Weltwirtschaft 
Tel +49 431 8814 579 
Stefan.Kooths@kielinstitut.de 

Professor Dr. Oliver Holtemöller 
Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) 
Tel +49 345 7753 800 
Oliver.Holtemoeller@iwh-halle.de 

Professor Dr. Torsten Schmidt 
RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung 
Tel +49 201 8149 287 
Torsten.Schmidt@rwi-essen.de

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Zugehörige Publikationen

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Energiepreisschock überlagert Fiskalimpuls – Wachstumskräfte versiegen

Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose

in: Dienstleistungsauftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, 1, 2026

Abstract

Nach einem mehrjährigen Abschwung hat im Verlauf des vergangenen Jahres eine Erholung eingesetzt. Während die exportorientierte Industrie angesichts weiter abnehmender Wettbewerbsfähigkeit, hoher geopolitischer Unsicherheit und fortbestehender handelspolitischer Belastungen kaum Tritt fasste, wurde die Erholung maßgeblich von der Binnenwirtschaft getragen. Der Energiepreisschock, der durch den Iran-Krieg ausgelöst wurde, dämpft die Erholung, dürfte sie aber nicht vollständig zum Erliegen bringen. Dafür sorgt der erheblich expansive Kurs der Finanzpolitik, der vor allem Unternehmen der Verteidigungsindustrie und des Tiefbaus stützt. Im Großteil des Verarbeitenden Gewerbes bleibt die Lage jedoch verhalten. 

Das Bruttoinlandsprodukt dürfte in diesem Jahr um 0,6% und im Jahr 2027 um 0,9% zunehmen, nachdem die Wirtschaftsleistung im Vorjahr mit einem Anstieg von 0,2% kaum mehr als stagniert hat. Im Vergleich zum Herbstgutachten 2025 haben die Institute damit ihre Prognose für das laufende Jahr deutlich um 0,6 Prozentpunkte und für das kommende Jahr um 0,4 Prozentpunkte nach unten korrigiert.

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