Sachsen-Anhalt vor der Wahl: Ausländerfeindliche Politik könnte Arbeitskräftemangel deutlich verschärfen

Sollte die AfD nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt regieren, könnte ihre Politik die Wirtschaft in dem Bundesland erheblich beeinträchtigen. Nach Schätzungen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) würden Sachsen-Anhalt infolge eines fremdenfeindlichen Klimas in der nächsten Legislaturperiode Tausende Arbeitskräfte und eine Wertschöpfung von bis zu 3,2 Milliarden Euro entgehen.

Autoren Reint E. Gropp

Nach der Landtagswahl am 6. September 2026 in Sachsen-Anhalt ist laut Umfragen eine AfD-Alleinregierung möglich. Eine fremdenfeindliche Politik könnte dann den Arbeitsmarkt in dem Bundesland zusätzlich belasten. Dieser ist vom demografischen Wandel so stark betroffen wie in kaum einem anderen Bundesland. Der Ausländeranteil an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten gehört bundesweit zwar zu den niedrigsten; doch zu einem erheblichen Teil hat in den vergangenen Jahren die Integration von Geflüchteten den Arbeitsmarkt stabilisiert. Am Ende der nächsten Legislaturperiode im Jahr 2031 dürften in Sachsen-Anhalt laut aktuellen Prognosen bei einer Fortführung der aktuellen Politik 32.000 Beschäftigte fehlen – infolge einer gegen Migration gerichteten Politik dürfte die Lücke auf 46.000 fehlende Beschäftigte anwachsen. Laut Schätzungen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) entginge dem Bundesland damit über die Legislaturperiode eine Wertschöpfung in der Größenordnung von 1,8 bis 3,2 Milliarden Euro.

„Eine fremdenfeindliche Politik würde die Arbeitskräfteknappheit in Sachsen-Anhalt deutlich verschärfen“, sagt IWH-Präsident Reint Gropp. „Sachsen-Anhalt hat eine der ältesten Beschäftigtenstrukturen Deutschlands: Wenn die Politik Stimmung gegen Zuwanderung macht, werden Tausende zusätzliche Stellen unbesetzt bleiben. Das Land würde spürbar an Wohlstand verlieren.“

Gropp hat die Studie zusammen mit IWH-Forscher Alexander Reifschneider verfasst. Den beiden Ökonomen zufolge würde sich eine migrationsfeindliche Politik vor allem in solchen Branchen niederschlagen, in denen zwei Dinge zusammenkommen: ein hoher Ausländeranteil und ein Engpass, also ein bundesweiter Mangel an Arbeitskräften. In Sachsen-Anhalt wären ausbleibende Arbeitskräfte am schwersten in Branchen wie der Lebensmittelzubereitung, der Gastronomie, dem Tiefbau, der Logistik und der Human- und Zahnmedizin zu ersetzen. Jeder fünfte Arzt in Sachsen-Anhalt ist Ausländer.

Was ein Wechsel zu einer zuwanderungskritischen Politik für die Migration bedeuten könnte, haben die Forscher anhand von drei Fällen auf drei unterschiedlichen Regierungsebenen im Vereinigten Königreich, in Italien und in Deutschland geschätzt. Nach dem Brexit, dem Sieg der rechtspopulistischen Lega Nord in Bürgermeisterwahlen und der Amtsübernahme eines AfD-Landrats im thüringischen Sonneberg sank die Zuwanderung jeweils erheblich, um rund 32 bis 65%. Eine Kompensation fand nicht statt: In keinem der Fälle lässt sich eine Rückkehr von Ausgewanderten beziehungsweise ein Umzug von Einheimischen belegen.

Für die Studie haben die Ökonomen die demografische Entwicklung aus den amtlichen Bevölkerungsprognosen mit dem Rückgang der Zuwanderung zusammengeführt, wie er sich in den genannten Fällen dokumentiert. Demnach werden in Sachsen-Anhalt in der Legislaturperiode von 2027 bis 2031 rund 61.000 deutsche Beschäftigte zusätzlich aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Der ausländische Zuzug dämpft diesen Abgang, gleicht ihn aber nicht aus: Setzt er sich im heutigen Tempo fort, kommen rund 29.000 Beschäftigte hinzu. Unter einer AfD-geführten Landesregierung kämen gemessen an dem Mittelwert der internationalen Evidenz nur noch rund 15.000 hinzu. Demnach fehlten dann zusätzlich 14.000 Beschäftigte in Sachsen-Anhalt.

Veröffentlichung
Reint E. Gropp, Alexander Reifschneider: Demografischer Wandel, ausländische Beschäftigte und der Arbeitsmarkt Sachsen-Anhalts vor der Landtagswahl am 6. September 2026. IWH Policy Notes 3/2026. Halle (Saale) 2026.

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Demografischer Wandel, ausländische Beschäftigte und der Arbeitsmarkt Sachsen-Anhalts vor der Landtagswahl am 6. September 2026

Reint E. Gropp Alexander Reifschneider

in: IWH Policy Notes, 3, 2026

Abstract

Anfang September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag, und die AfD hat erstmals die Chance auf eine eigene Regierungsmehrheit. Sachsen-Anhalt hat eine der ältesten Beschäftigtenstrukturen Deutschlands: Fast jeder dritte deutsche Beschäftigte ist 55 oder älter. Im vergangenen Jahrzehnt hat das Land netto bereits 40.580 deutsche Beschäftigte verloren. Die Beschäftigung blieb dennoch stabil, weil 51.960 ausländische Beschäftigte hinzukamen. Ein erheblicher Teil dieses Zuwachses stammt aus Fluchtkontexten: Seit Ende 2020 kamen rund 40% des Zuwachses aus Asylherkunftsländern und der Ukraine. Die internationale Evidenz zeigt nach Regierungswechseln zu zuwanderungskritischen Parteien Rückgänge des ausländischen Zuzugs zwischen 32 und 65%. Eine kompensierende Rückkehr Einheimischer ist nicht zu beobachten. Die Analyse zeigt, dass tausende von offenen Stellen in Sachsen-Anhalt nicht besetzt werden könnten, mit entsprechenden Auswirkungen auf Wohlstand und Wachstum.

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