Aufschwung mit Strukturproblemen – Finanzpolitik auf Abwegen
Die deutsche Wirtschaft ist seit Ende 2025 im Aufschwung. Die Erholung fällt stärker aus als noch im Frühjahr erwartet, bleibt aber schwach. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten für das laufende Jahr ein BIP-Plus von 1,3% und für die beiden folgenden Jahre von 1,1% bzw. 0,4%. Gegenüber dem Frühjahr wurde die Prognose für 2026 um 0,7 und für 2027 um 0,2 Prozentpunkte angehoben. Die Wirtschaft hat sich robuster entwickelt als erwartet. Der Aufschwung steht jedoch auf einem schmalen Fundament, denn hohe Energiepreise und Strukturprobleme belasten. Im laufenden Quartal bremst zudem Niedrigwasser die Aktivität vorübergehend. Das staatliche Defizit nimmt weiter zu, sodass sich ein wachsender Konsolidierungsbedarf aufstaut.
24. September 2026
Inhalt
Seite 1
WeltwirtschaftSeite 2
Deutsche WirtschaftSeite 3
Das günstigere KonjunkturbildSeite 4
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Im Herbst 2026 ist die Weltkonjunktur weiter im Aufwind. Der starke Ausbau Künstlicher Intelligenz (KI) bringt eine kräftige Expansion der gesamtwirtschaftlichen Produktion mit sich, insbesondere in den USA und in Asien. In vielen Ländern stützt außerdem ein Anstieg der Verteidigungsausgaben die Nachfrage. Einer kräftigeren Ausweitung der Produktion hat der Energiepreisschock infolge der militärischen Auseinandersetzungen in der Golfregion allerdings entgegengestanden. Die jüngste Eskalation hat die Energiepreise und damit die weltwirtschaftlichen Risiken wieder deutlich steigen lassen.
Die weltweite Industrieproduktion wird durch den Ausbau von Rechenkapazität für Künstliche Intelligenz und der damit verbundenen Energieinfrastruktur insbesondere in den USA und China beflügelt. Besonders stark war der Anstieg im ersten Halbjahr in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften Asiens, wo Taiwan und Südkorea besonders eng in die für die KI-Technik relevanten Wertschöpfungsketten eingebunden sind.
Die Auswirkungen des Golfkonflikts auf die globale Industrieproduktion sind zwar deutlich sichtbar, blieben aber weitgehend auf die Länder der Golfregion beschränkt. So sank sie im Mittleren Osten und Afrika mit Kriegsausbruch im März um mehr als ein Viertel, während die industrielle Erzeugung in den übrigen Schwellenländern stabil blieb und in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften in der Tendenz sogar beschleunigt zulegte.
Die Verbraucherpreisentwicklung ist seit dem Frühjahr wesentlich von den Energiepreisen geprägt. Die Kernrate (ohne Energie und Nahrungsmittel) entwickelte sich vergleichsweise stabil. Ein Übergreifen des energiepreisbedingten Inflationsimpulses auf die übrige Preisentwicklung zeichnet sich also derzeit nicht ab.
Die Auftriebskräfte für die Weltkonjunktur, die von der Verbreitung Künstlicher Intelligenz ausgehen, bleiben vorerst intakt. So wird die Investitionsnachfrage voraussichtlich weiter von dem Bedarf nach zusätzlichen Datenverarbeitungskapazitäten und hohen Ausgaben für Forschung und Entwicklung getrieben. Zudem erfordert der mit den KI-Anwendungen verbundene hohe Elektrizitätsbedarf umfangreiche Investitionen in Erzeugung und Netze. Impulse wirken auch über die Finanzmärkte, wo Kursgewinne der beteiligten Unternehmen, sofern sie börsennotiert sind, die Marktentwicklung treiben und Vermögenszuwächse erzeugen, die auch den privaten Konsum stärken. Allerdings werden die Zuwächse bei KI-Investitionen im Prognosezeitraum wohl allmählich geringer werden. Bereits jetzt sind Kapazitätsengpässe in der Produktion von Kapitalgütern sichtbar, die zu erheblichen Preissteigerungen geführt haben.
Die geschmälerte Verfügbarkeit von Erdöl und Flüssiggas, die mit entsprechenden Preisanstiegen einhergeht, bremst zwar zunächst noch die weltwirtschaftliche Aktivität, die dämpfenden Wirkungen laufen aber allmählich aus. Weltwirtschaftlich werden die negativen Effekte von Energiepreisanstiegen auch dadurch gemildert, dass es Gewinner dieser Entwicklung gibt: Länder und Unternehmen, deren finanzielle Möglichkeiten sich verbessern und die dadurch zusätzliche Nachfrage generieren. Der Energiepreisschock dürfte das inflationäre Umfeld nicht nachhaltig verändern, sodass ein geldpolitisches Gegensteuern in einem stärkeren Ausmaß als in der Prognose unterstellt wohl nicht erforderlich ist.
Die Weltproduktion dürfte im laufenden Jahr mit einer Rate von 2,6 % etwas schwächer zunehmen als im Vorjahr (2,8 %). Für die Jahre 2027 und 2028 rechnen die Institute mit einem etwas geringeren Expansionstempo von 2,5 %. Der weltweite Waren- und Dienstleistungshandel dürfte um 5,3 % zulegen. Für die Jahre 2027 und 2028 erwarten die Institute Zuwächse um 3,0 bzw. 2,8 %.
Der Boom um die Künstliche Intelligenz birgt konjunkturelle Risiken. Zwar zeichnet sich derzeit noch kein Ende der Euphorie ab; es ist aber gut möglich, dass die Erwartungen über Gewinne, die hinter den Investitionen und Unternehmensbewertungen stehen, enttäuscht werden. Eine Neubewertung der Unternehmen könnte in diesem Fall drastisch ausfallen und über die Einschränkung von Investitionen und Vermögenseffekte die Konjunktur empfindlich bremsen. Die von den Energiepreisen ausgehenden Risiken sind ebenfalls bedeutsam. Solange die Transportwege für Rohöl aus der Golfregion massiv gestört sind, bleibt ein beträchtliches Angebotsdefizit im Markt für Rohöl. Auch von den langfristigen Zinsen geht ein Risiko aus. Sollten sie über längere Zeit hoch bleiben oder gar noch weiter anziehen, droht die Belastung der Staatshaushalte durch den Schuldendienst stark zu steigen. Aber auch Unternehmensinvestitionen könnten durch weiter steigende Realzinsen deutlich gebremst werden.