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Die Sorge um De-Industrialisierung führt in die Irre

Eine der größten Sorgen sowohl der aktuellen als auch der vorhergehenden Regierung ist es, in Deutschland wichtige Industrieproduktion zu erhalten beziehungsweise neu anzusiedeln. Dabei geht es um eine breite Palette von Sektoren: Halbleiter, Batterien, Chemie, Stahl, Pharmazeutika oder Elektroautos. Basierend auf diesem Ziel werden signifikante Subventionen gerechtfertigt, etwa Einzelsubventionen in Milliardenhöhe für individuelle Unternehmen (Intel, TSMC) oder generelle Vergünstigungen wie der Industriestrompreis. Deutschland ist mit dieser Sorge nicht allein; auch die USA, die EU, Indien, Indonesien und viele weitere Länder versuchen, Anreize für inländische Produktion zu schaffen.

07. Januar 2026

Autoren Reint E. Gropp

Warum macht man sich solche Sorgen, dass bestimmte Produkte nicht mehr im eigenen Land, sondern woanders und möglicherweise günstiger produziert werden? Genau das ist die Logik der globalen Arbeitsteilung, die sich über Jahrzehnte entwickelt hat: Ein Produkt wird dort hergestellt, wo es relativ am besten und günstigsten produziert werden kann. Davon profitiert nicht nur das Produktionsland selbst, sondern es profitieren auch alle anderen Länder, die das Gut kaufen, weiterverarbeiten oder konsumieren.

Es sind eine Reihe von Bedenken, die teilweise miteinander verbunden sind: Zum Beispiel die Angst, dass „gute“, produktivere Arbeitsplätze abwandern, Löhne sinken und das Produktivitätswachstum nachlässt. Die Befürchtung, dass Abhängigkeiten von anderen Ländern entstehen. Und die Sorge, dass die eigene Industrie aufgrund von Subventionen oder Zollmaßnahmen anderer Länder nicht mehr wettbewerbsfähig ist.

Auf den ersten Blick wirken diese Befürchtungen berechtigt, bei näherer Betrachtung erweisen sie sich jedoch als unbegründet. „Gute“ Arbeitsplätze in Fabriken zu sichern, scheint insbesondere für Menschen ohne Hochschulabschluss ein wichtiges Ziel. Das Problem dabei: Industrieproduktion ist zunehmend hochautomatisiert und beschäftigt immer weniger, aber besser qualifizierte Mitarbeiter. Laut The Economist ist die Anzahl der Industriejobs seit 2013 um 6% zurückgegangen, die Produktion jedoch um 5% gestiegen. Offensichtlich kann nicht jeder Staat ein größeres Stück von einem schrumpfenden Kuchen erhalten.

Auch der Mythos, dass das Produktivitätswachstum in der Produktion höher sei als im Dienstleistungssektor, stimmt nicht. Das höchste Produktivitätswachstum aller Industrieländer verzeichneten in den letzten Jahrzehnten die USA – gleichzeitig mit dem niedrigsten Anteil der Produktion am Bruttoinlandsprodukt. Chinas Wachstum, trotz beeindruckender Dominanz bei vielen Industrieprodukten, liegt hinter dem Indiens zurück, wo der Industriesektor noch relativ klein ist. Das bedeutet, dass eine Rückverlagerung der Produktion das Produktivitätswachstum eher hemmen als fördern würde – auch weil dringend benötigte Arbeitskräfte im Dienstleistungssektor fehlen würden. Gerade in Deutschland, wo der demographische Wandel den Arbeitskräftemangel verstärkt, wäre das besonders problematisch.

Es bleiben geostrategische Abhängigkeiten als Argument. Vollständige Lieferketten für Halbleiter, Elektroautos oder andere Industrieprodukte innerhalb eines Landes würden jedoch enorme Kostensteigerungen verursachen. Lieferketten sind hochkomplex, und in den seltensten Fällen wird ein Produkt von Anfang bis Ende im gleichen Staat hergestellt. Zudem fehlen gerade in Deutschland viele Rohstoffe, seien es seltene Erden oder andere Mineralien, entweder ganz oder wären aufgrund von Umweltauflagen nicht rentabel abzubauen.

Mehr Produktion im eigenen Land steigert nicht zwangsläufig das Wachstum: Die Antwort auf Chinas Erfolg in der Industrieproduktion sind nicht Importzölle auf Güter befreundeter Länder oder Subventionen für einzelne Sektoren, sondern eine enge Zusammenarbeit zwischen der EU, den USA, Kanada, Japan, Südkorea und möglichst vielen anderen Staaten. Scheiden die USA aus dieser Gruppe aus, verstärkt das nur den Imperativ, mit allen anderen wichtigen Handelspartnern eng zusammenzuarbeiten.

Das Erfolgsrezept besteht in offenen Märkten: niedrige oder gar keine Zölle, minimale Subventionen und ein konsequenter Abbau von Regulierung und Bürokratie in allen beteiligten Ländern. Geostrategische Risiken sollten durch Diversifizierung der Lieferketten angegangen werden, nicht durch industriepolitische Maßnahmen. Die Vorstellung, zwanghaft Produktionskapazitäten ins eigene Land zurückholen zu müssen, führt zu einem ineffizienten Wettlauf um Subventionen und Zölle – mit dem Ergebnis, dass Produktivität, Wachstum und Löhne hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben.

Die Originalfassung dieses Textes erschien am 26.07.2025 bei Table Media.  

Außerdem in diesem Heft

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Aktuelle Trends: Wofür werden die Kohlemilliarden verwendet?

Oliver Holtemöller Mirko Titze

in: Wirtschaft im Wandel, Nr. 3, 2025

Abstract

Mit rund 41 Mrd. Euro will der Bund den Regionen helfen, die vom Kohleausstieg betroffen sind. Die Wirtschaftsforschungsinstitute IWH und RWI haben den Zwischenbericht 2025 im Rahmen der begleitenden Evaluierungsforschung dazu vorgelegt.

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Von Eltern zu Kindern: Wie sich Fähigkeiten in Mathematik und Sprache über Generationen übertragen und Bildungsentscheidungen prägen

Eric A. Hanushek Babs Jacobs Guido Schwerdt Rolf van der Velden Stan Vermeulen Simon Wiederhold

in: Wirtschaft im Wandel, Nr. 3, 2025

Abstract

Die Entscheidung für eine Ausbildung oder ein Studium im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) hängt nicht nur von absoluten Leistungen in Mathematik ab, sondern davon, wie gut Mathematik relativ zu anderen Fächern – etwa Sprache – gelingt. Dieser Beitrag untersucht die intergenerationale Übertragung solcher relativen Stärken in Mathematik und Sprache auf Basis niederländischer Testdaten von Eltern und ihren Kindern. Wir zeigen, dass Eltern, die im Verhältnis zu Sprache besonders gut in Mathematik abschneiden, mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit Kinder haben, die ebenfalls relativ besser in Mathematik sind. Zudem belegen wir, dass diese Übertragung relativer Stärken nicht ausschließlich genetisch oder familiär geprägt ist, sondern durch Schule und Lernumfeld – und damit durch Bildungspolitik – beeinflusst werden kann.

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Wie sich die Klimapolitik auf die Einkommensungleichheit auswirken könnte

Marie Young-Brun

in: Wirtschaft im Wandel, Nr. 3, 2025

Abstract

Der Klimawandel wirkt sich zunehmend auf die wirtschaftliche Entwicklung in aller Welt aus. Ärmere Haushalte sind dabei den Auswirkungen des Klimawandels stärker ausgesetzt und verletzlicher, sodass der Klimawandel die Ungleichheit wahrscheinlich noch verstärken wird. Politische Maßnahmen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen können eine Verschärfung des Klimawandels verhindern, schaffen aber auch ökonomische Gewinner und Verlierer. In diesem Beitrag werden die kombinierten Auswirkungen des Klimawandels und ausgewählter politischer Maßnahmen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen auf die wirtschaftliche Ungleichheit untersucht. Die Bewertung erfolgt anhand von acht Modellen für die integrierte Analyse von Klimawandel und wirtschaftlicher Entwicklung, die von verschiedenen Forscherteams unter Verwendung unterschiedlicher Annahmen und Methoden entwickelt wurden. Die Ergebnisse basieren auf historischen Daten und Zukunftsszenarien für zehn Länder in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Die Umsetzung einer ehrgeizigen Klimapolitik im Einklang mit dem Pariser Abkommen führt demnach zu einer geringeren Ungleichheit in der Zukunft als der Verzicht auf Maßnahmen zur Milderung des Klimawandels, auch wenn die Ungleichheit aufgrund der Kosten für die Reduzierung der Treibhausgasemissionen kurzfristig zunimmt. Die Verwendung der Einnahmen aus der Kohlenstoffbepreisung kann dazu beitragen, die Verteilungseffekte der Klimapolitik zu dämpfen und die Ungleichheit kurzfristig sogar zu verringern. Diese Ergebnisse unterstreichen die Rolle von Ausgleichsmechanismen bei der Gestaltung einer fairen und politisch durchsetzbaren Klimapolitik.

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Rückblick auf den 11. FIN-FIRE-Workshop „Challenges to Financial Stability“

Erik Ködel Michael Koetter

in: Wirtschaft im Wandel, Nr. 3, 2025

Abstract

Im September 2025 reisten Finanzökonomen aus aller Welt zum elften Mal nach Halle, um am jährlichen FIN-FIRE-Workshop am IWH teilzunehmen. Zwei Tage lang gaben die Autoren von zehn Beiträgen einen umfassenden Überblick über aktuelle Themen, die potenzielle Herausforderungen für das Finanzsystem darstellen, z. B. mangelnden Datenschutz bei der Vergabe von Immobilienkrediten, Unsicherheiten in Anleihemärkten aufgrund von Klimarisiken, Intransparenz bei synthetischen Risikotransferprodukten, die Auswirkungen geopolitischer Risiken auf die Kreditvergabe sowie granulare Friktionen bei der Transmission geldpolitischer Maßnahmen. Ein intensiver Gedankenaustausch zwischen Autoren, Ko-Referenten und Plenum führte zu neuen Erkenntnissen über die Widerstandsfähigkeit und Fragilität unserer Finanzsysteme.

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