Inhalt
Seite 1
Globalisierungsschübe damals und heute
Seite 2
Getreideimporte ins Deutsche Kaiserreich: Welche Regionen waren betroffen?
Seite 3
Migration kann Handelsschocks abfedern
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Identifikation des Handelsschocks

Wir schätzen den Effekt des Handelsschocks auf Einkommen, Beschäftigung, Sterblichkeit und den politischen Erfolg protektionistischer, rechter und linker Parteien. Hierzu vergleichen wir Kreise in derselben Provinz (z. B. in Ostpreußen, Schlesien oder Westfalen), die aber unterschiedliche Nutzpflanzen anbauten und deshalb unterschiedlich stark von den Importen betroffen waren. Wir nehmen an, dass sich die Getreide anbauenden Kreise ohne Handelsschock ähnlich entwickelt hätten wie ihre Nachbarn. Falls sich also ein z. B. Weizen oder Ölsaaten anbauender Landkreis schlechter entwickelt als die ihn umgebenden, z. B. auf Gemüseanbau spezialisierten Kreise, führen wir diesen Unterschied auf den Handelsschock zurück (vgl. Karte 2).

Um sicherzugehen, dass die Unterschiede zwischen diesen Kreisen auf den Handelsschock zurückzuführen sind, nutzen wir eine so genannte Instrumentalvariable: Falls sich z. B. die Zollpolitik des Kaiserreichs als Antwort auf den Handelsdruck ändert, wäre die Höhe des Schocks von den Betroffenen „selbst gewählt“ und damit nicht mehr ein zufällig von außen kommendes Ereignis. Um solche Probleme zu umgehen, müssen wir den Handelsschock bestimmen, der „von außen“ nach Deutschland kommt und nicht durch die deutsche Politik moderiert wird.

Um die Bedingungen auf dem Weltmarkt zu ermitteln, nutzen wir zwei verschiedene Techniken: Einmal berechnen wir den Handelsschock für die verschiedenen Getreide nicht mit den deutschen Daten, sondern mit Importdaten des Königreichs Italien aus der gleichen Zeit. Die Getreideimporte nach Italien sind weitgehend unabhängig von denen nach Deutschland, und ein größerer Unterschied zwischen den beiden Maßen würde darauf hindeuten, dass Deutschland erheblichen Gestaltungsspielraum während des Schocks hatte. Als zweites Instrument nutzen wir die Getreidepreise in anderen Teilen der Welt (USA und Großbritannien), die sich dem Einfluss der deutschen Politik ebenfalls entzogen.

Um darüber hinaus auszuschließen, dass die Effekte von anderen Unterschieden zwischen den Landkreisen herrühren, sammeln wir Daten zur Nähe zur nächsten Großstadt, Vermögens- bzw. Landbesitz-Ungleichheit und dem Technologiestand gemessen anhand der installierten Dampfmaschinen (in Pferdestärken). Den Effekt dieser Kontrollvariablen rechnen wir aus dem Ergebnis heraus.

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Migration kann Handelsschocks abfedern

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This paper studies the economic and political effects of a large trade shock in agriculture – the grain invasion from the Americas – in Prussia during the first globalisation (1871-1913). We show that this shock accelerated the structural change in the Prussian economy through migration of workers to booming cities. In contrast to studies using today’s data, we do not observe declining per capita income and political polarisation in counties affected by foreign competition. Our results suggest that the negative and persistent effects of trade shocks we see today are not a universal feature of globalisation, but depend on labour mobility. For our analysis, we digitise data from Prussian industrial and agricultural censuses on the county level and combine it with national trade data at the product level. We exploit the cross-regional variation in cultivated crops within Prussia and instrument with Italian trade data to isolate exogenous variation.

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Kommentar: Die Schuldenfinanzierung höherer Militärausgaben ist Augenwischerei

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Aktuelle Trends: Immobilienpreise in Deutschland steigen seit Pandemiebeginn im EU-Vergleich am stärksten

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