IWH-Flash-Indikator IV. Quartal 2025 und I. Quartal 2026
Die deutsche Wirtschaft stagnierte im dritten Quartal 2025, nachdem sie im Quartal zuvor noch um 0,2% geschrumpft war. Einem Rückgang der Exporte standen steigende Investitionen in Ausrüstungen gegenüber. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt damit weiterhin mehr als einen Prozentpunkt unter dem Höchstwert von vor drei Jahren. Die anhaltende Exportschwäche der deutschen Industrie ist dabei nicht auf eine ungünstige weltwirtschaftliche Lage zurückzuführen, sondern auf weiterhin ungelöste strukturelle Probleme wie zu hohe Energie- und Arbeitskosten in Deutschland. Zwar deutet sich zum Jahreswechsel 2025/2026 eine moderate konjunkturelle Belebung an (vgl. Abbildung 1), von den geplanten Mehrausgaben für Verteidigung und Infrastruktur sind jedoch erst ab dem kommenden Jahr konjunkturelle Impulse zu erwarten. Allerdings belasten weltweite Spannungen die Lieferketten weiterhin, und sie führen in der stark arbeitsteiligen deutschen Industrie immer wieder zu Engpässen. Laut IWH-Flash-Indikator steigt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vierten Quartal 2025 um 0,2% und im ersten Quartal 2026 um 0,4%.
11. November 2025
Der IWH-Flash-Indikator basiert auf einer Vielzahl von Einzelindikatoren, die sowohl realwirtschaftliche Größen als auch Stimmungsindikatoren umfassen. Abbildung 2 zeigt die Verteilung all dieser auf jeweils einem Indikator basierenden Prognosen für die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts für das vierte Quartal 2025 und das erste Quartal 2026. Alles in allem signalisiert der IWH-Flash-Indikator für das vierte Quartal ein leichtes BIP-Wachstum um 0,2% und zu Beginn des Jahres 2026 um 0,4%.
Die Zeitreihe mit den historischen Daten des Flash-Indikators sowie eine Beschreibung der Methodik finden Sie im Download-Bereich.
Trotz einer leichten Stimmungsaufhellung in den Unternehmen bleibt der wirtschaftliche Ausblick von erheblicher Unsicherheit geprägt. Der ifo Geschäftsklimaindex verzeichnete im Oktober 2025 zwar Zuwächse aufgrund optimistischerer Geschäftserwartungen, doch die aktuelle Lage wurde von vielen Unternehmen erneut schlechter eingeschätzt. Besonders in der Industrie ist die Unzufriedenheit mit den laufenden Geschäften weiter gewachsen. Die Produktion im Produzierenden Gewerbe stieg im September gegenüber dem Vormonat zwar an, im weniger schwankungsanfälligen Dreimonatsvergleich war sie aber rückläufig, was vor allem an der Industrieproduktion lag. Die Energieerzeugung konnte hingegen zulegen. Die jüngsten Anstiege der Auftragseingänge in der Industrie reichten nicht aus, um die Rückgänge der Vormonate auszugleichen. Der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe ging im Oktober etwas nach oben, liegt aber nach wie vor knapp unter der 50-Punkte-Schwelle, die Wachstum signalisiert. Während Beschäftigung und Lagerbestände weiter zurückgingen, entwickelten sich Produktion, Auftragseingänge und Lieferzeiten etwas günstiger. Der Early-Bird-Indikator der Commerzbank, der die konjunkturelle Tendenz für das nächste halbe Jahr anzeigt, signalisiert eine weitere Verschlechterung des Umfelds infolge des hohen Außenwerts des Euro und der schwächeren US-Konjunktur; die lockere Geldpolitik wirkt dem jedoch stabilisierend entgegen.
Vor dem Hintergrund anhaltender struktureller Probleme – etwa hoher Arbeits- und Energiekosten, einer hohen Regulierungslast und des Ziels einer klimaneutralen Produktion – dürfte die derzeitige Schwächephase für zahlreiche Unternehmen zunehmend existenzbedrohend werden. Nicht zuletzt spiegelt sich dies auch in den Insolvenzzahlen wider, wie der jüngste Insolvenztrend des IWH zeigt. Nach wie vor zeichnen die Frühindikatoren kein klares Bild einer konjunkturellen Erholung. „Weiterhin ist unsicher, ob der konjunkturelle Tiefpunkt bereits durchschritten wurde. Die Politik wie auch die Unternehmen haben noch viele Aufgaben zu lösen, um die deutsche Wirtschaft wieder wettbewerbsfähig zu machen“, so Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).
Die derzeitige Lage in der gewerblichen Wirtschaft wirkt sich zunehmend auf die Stimmung der privaten Haushalte aus. So gingen im November 2025 sowohl die Konsumstimmung im HDE-Konsumbarometer als auch das Konsumklima in der GfK-Konsumklimaumfrage deutlich zurück. Besonders die Einkommenserwartung sank bei beiden Indikatoren spürbar. Hinzu kommt, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt zuletzt etwas eingetrübt hat. So ist die Zahl der Arbeitslosen in den vergangenen Monaten leicht gestiegen und die Erwerbstätigkeit ging weiter zurück. Es verwundert daher kaum, dass die im Bank Lending Survey befragten Banken sowohl bei Konsumenten- als auch bei Wohnungsbaukrediten für die kommenden drei Monate eine weitere Verschärfung der Kreditvergaberichtlinien erwarten.
Derweil scheint die Weltwirtschaft auch im Herbst robust zu expandieren. Der politische Rahmen ist Ende Oktober mit dem vorläufigen Handelsdeal zwischen den USA und China günstiger geworden. Bis November 2026 soll der Regelzollsatz der USA für chinesische Produkte mit 20% nur fünf Prozentpunkte über dem für EU-Produkte liegen. Verschiedene Ausfuhrbeschränkungen, etwa von Seiten der USA für Hochleistungschips und insbesondere von Seiten Chinas für Seltene Erden dürften den Welthandel weiter belasten, aber die Lieferketten nicht reißen lassen. Erschwert wird eine Einschätzung der internationalen Konjunktur seit Oktober durch den Government Shutdown in den USA, denn wichtige amtliche US-Daten werden zurzeit nicht veröffentlicht. So gibt es derzeit nur Schätzungen zum Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal, die allerdings alle auf einen Zuwachs hindeuten. Das Bruttoinlandsprodukt in China expandierte mit 1,1% recht deutlich. Auch die Zuwachsrate für den Euroraum fiel mit 0,2% in etwa so hoch aus wie vielfach prognostiziert. Gestützt wird die Weltkonjunktur gegenwärtig von den hohen Erwartungen bezüglich der zukünftigen Rolle der Künstlichen Intelligenz im Wirtschaftsleben. Sie sorgen vor allem in den USA für hohe Investitionen in den digitalen Sektor und für hohe Zuwächse der Bewertungen an den Aktienmärkten. Aus der Möglichkeit, dass diese Erwartungen auch schnell wieder revidiert werden können, ergibt sich ein wesentliches Risiko für die derzeitige Weltkonjunktur.