Kulturelle Vielfalt und Immobilienpreise
Bezahlen Immobilienkäufer einen Aufpreis, um in einem kulturell vielfältigen Viertel zu leben? Eine neue Studie mit Daten aus Nordirland legt dies nahe. Um den Zusammenhang zwischen kultureller Vielfalt und Immobilienpreisen zu untersuchen, stützen sich die Forscher auf Daten aus der Zeit der britischen Kolonialisierung Irlands zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Damals entstanden Nachbarschaften mit unterschiedlicher religiöser Zusammensetzung. Diese religiöse Zusammensetzung besteht bis heute. Diese Wohnviertel unterscheiden sich also kulturell, nicht jedoch hinsichtlich ihrer ethnischen und sozioökonomischen Merkmale. Die Ergebnisse zeigen: Im Durchschnitt erzielen Immobilien in kulturell vielfältigen Vierteln einen um fast 10% höheren Verkaufspreis als solche in religiös-kulturell homogenen Gebieten. Darin spiegelt sich eine höhere Nachfrage: Vielfältige Viertel sind für ein breiteres Spektrum potenzieller Käufer attraktiv. Dadurch steigt auch die Liquidität der Immobilien. Die Ergebnisse stehen in Kontrast zu früheren Studien, die einen negativen Zusammenhang zwischen Vielfalt und Immobilienpreisen belegten.
07. September 2026
https://doi.org/10.18717/wwkqmx-pv98
Inhalt
Seite 1
Die Nachbarn sind anders: Ist das ein Problem?Seite 2
Messung der DiversitätsprämieSeite 3
Fazit und politische ImplikationenSeite 4
Endnoten Auf einer Seite lesenDie Nachbarn sind anders: Ist das ein Problem?
Der Zusammenhang zwischen kultureller Vielfalt und Immobilienpreisen ist komplex. Frühere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Menschen eher in der Nähe von anderen Menschen leben möchten, die ihnen selbst ähnlich sind. Dieses Phänomen ist als Homophilie bekannt. Wohnen Menschen mit sehr unterschiedlichen kulturellen Hintergründen räumlich eng zusammen, kann dies den sozialen Zusammenhalt und die Zusammenarbeit untereinander beeinträchtigen, manchmal sogar zu Konkurrenz und Konflikten führen.1 Dies kann die Attraktivität kulturell diverser Viertel mindern und sich negativ auf die Immobilienpreise auswirken.
Eine alternative Perspektive besagt jedoch, dass Vielfalt zu einem fruchtbaren Austausch unterschiedlicher Standpunkte und Ideen führen kann. Nachbarn lernen voneinander, und das Humankapital des Viertels insgesamt wächst an.2 Solche positiven Spillover-Effekte sollten vielfältige Nachbarschaften attraktiver machen und die Immobilienpreise in die Höhe treiben. Um diese konkurrierenden Theorien weiter zu untersuchen, haben in der vorliegenden Studie Forschende der Universitäten Augsburg, Birmingham, Durham und des IWH das Fallbeispiel Nordirland genauer unter die Lupe genommen.3 Nordirland ist als Teil des Vereinigten Königreichs historisch von tiefen Spaltungen zwischen katholischen und protestantischen Gemeinschaften geprägt. Es bietet einen idealen Rahmen, um die Auswirkungen religiös-kultureller Diversität auf die Immobilienpreise kausal zu untersuchen.
Die Besiedlung von Ulster: Ein unbeabsichtigtes Experiment in Sachen Vielfalt
Die Wurzeln der heutigen Bevölkerungsstruktur in Nordirland reichen bis in das frühe 17. Jahrhundert zurück, als die britische Kolonialisierung der irischen Provinz Ulster zu dauerhaften kulturellen Spaltungen zwischen der überwiegend katholischen irischen Bevölkerung und den aus England und Schottland zugewanderten protestantischen Siedlern führte.
Aufgrund der Schwierigkeit, die Kolonialisierung des Gebiets vom entfernten London aus zu verwalten, wurden viele Ländereien willkürlich und quasi zufällig besiedelt. Dies führte dazu, dass einige Gebiete eine religiös gemischtere Einwohnerschaft erhielten, während andere fast ausschließlich protestantisch wurden oder überwiegend katholisch blieben.
Dass wir über quantitative Belege für diesen Prozess verfügen, ist der harten Arbeit von Sir William Petty (1623–1687) zu verdanken, der die erste detaillierte Erhebung über Land und Bevölkerung Irlands leitete, bekannt als Petty's oder Pender's Census of Ireland, die zwischen 1654 und 1659 durchgeführt wurde. Anhand der detaillierten Bevölkerungsdaten aus dieser historischen Volkszählung stellten die Forscher eine hohe Beständigkeit in der kulturellen Zusammensetzung der Gemeinden Nordirlands fest (vgl. Abbildung).
Gebiete mit einem höheren Anteil britischer Siedler im Jahr 1659 weisen in der jüngsten Volkszählung in Nordirland durchweg einen höheren Anteil protestantischer Bevölkerung auf. Trotz einer Zeitspanne von fast 400 Jahren beeinflussen die Ereignisse der Kolonialisierung von Ulster bis heute die kulturelle Zusammensetzung der Gemeinden. Dieser einzigartige historische Zufall ermöglichte es den Forschern zu messen, wie sich kulturelle Vielfalt auf die Hauspreise im 21. Jahrhundert auswirkt, und dabei die damit verbundenen sozioökonomischen Faktoren bewusst auszuklammern.