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Von Eltern zu Kindern: Wie sich Fähigkeiten in Mathematik und Sprache über Generationen übertragen und Bildungsentscheidungen prägen

Die Entscheidung für eine Ausbildung oder ein Studium im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) hängt nicht nur von absoluten Leistungen in Mathematik ab, sondern davon, wie gut Mathematik relativ zu anderen Fächern – etwa Sprache – gelingt. Dieser Beitrag untersucht die intergenerationale Übertragung solcher relativen Stärken in Mathematik und Sprache auf Basis niederländischer Testdaten von Eltern und ihren Kindern. Wir zeigen, dass Eltern, die im Verhältnis zu Sprache besonders gut in Mathematik abschneiden, mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit Kinder haben, die ebenfalls relativ besser in Mathematik sind. Zudem belegen wir, dass diese Übertragung relativer Stärken nicht ausschließlich genetisch oder familiär geprägt ist, sondern durch Schule und Lernumfeld – und damit durch Bildungspolitik – beeinflusst werden kann.

07. Januar 2026

Autoren Eric A. Hanushek Babs Jacobs Guido Schwerdt Rolf van der Velden Stan Vermeulen Simon Wiederhold

Inhalt
Seite 1
Die Bedeutung relativer Stärken für den Bildungsweg
Seite 2
Können relative Stärken durch Bildungspolitik beeinflusst werden?
Seite 3
Bildungspolitische Implikationen
Seite 4
Endnoten Auf einer Seite lesen

Warum relative Stärken in Mathematik oder Sprache wichtig sind

Die Förderung der Bildung in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) ist in vielen Ländern ein wichtiges Ziel. Politische Maßnahmen, die sich auf die Verbesserung der Mathematikkenntnisse von Schülerinnen und Schülern konzentrieren, übersehen dabei häufig, wie entscheidend relative Stärken für Bildungs- und Berufsentscheidungen sind. „Relativ“ heißt: Es zählt nicht nur, wie gut jemand in Mathe ist, sondern wie gut Mathe im Vergleich zu Sprache (oder anderen Fächern) gelingt. Die ökonomische Literatur zeigt seit langem, wie wichtig solche relativen Stärken für Bildungswege und Berufswahl sind. Auch wir zeigen in diesem Beitrag: Menschen wählen Studienfächer, in denen sie relativ besser sind – auch wenn sie absolut in mehreren Bereichen gut abschneiden. 

Warum interessieren uns relative und nicht nur absolute Stärken? Ein einfaches Beispiel: Ben liegt in Mathe im obersten Viertel, und in Sprache liegt er im Mittelfeld – er hat also einen relativen Vorsprung in Mathe. Anna gehört in Mathe zu den besten 10%, in Sprache aber zu den besten 5%. Absolut ist Anna in Mathe besser als Ben; relativ gesehen ist sie jedoch stärker in Sprache. Wer entscheidet sich eher für ein MINT-Fach? Eher Ben, weil sein Stärkenprofil vergleichsweise stärker in Richtung Mathe zeigt. Auch wenn der Einfluss von relativen Stärken in Theorie und Empirie gut belegt ist, so ist über die Ursachen dieser Stärken und über deren Veränderbarkeit bislang wenig bekannt. Für die Bildungspolitik ist jedoch beides zentral: Nur wenn wir wissen, woher diese relativen Stärken kommen und wie formbar sie sind, lassen sich gezielt Maßnahmen entwickeln, um den Anteil von MINT-Absolventinnen und -Absolventen zu erhöhen. 

Unser Beitrag belegt: Relative Mathe-Stärken übertragen sich von Eltern auf ihre Kinder – und zwar systematisch. Eltern, die im Verhältnis zu Sprache besonders gut in Mathe waren, haben mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit Kinder, bei denen dieses Muster ebenfalls zu sehen ist. Wichtig daran ist: Diese Übertragung ist nicht „in Stein gemeißelt“, sondern durch Schule und Lernumfeld beeinflussbar. Die Bildungspolitik kann also Einfluss auf die relativen Stärken – und damit auch auf die letztendliche Studienfachwahl – nehmen.1

Datengrundlage: Zwei Generationen, vergleichbare Tests

Unsere Grundlage ist ein einzigartiger niederländischer Datensatz: Er verknüpft die Mathematik- und Sprachleistungen von über 25 000 Eltern, die als 12- bis 13-Jährige in den 1970er- und 1980er-Jahren getestet wurden, mit den Leistungen von rund 40 000 ihrer Kinder, die zwischen 2006 und 2019 im gleichen Alter getestet wurden. Entscheidend ist: Wir vergleichen keine Schulnoten, sondern Ergebnisse aus landesweit standardisierten Tests – bei beiden Generationen.2 Bei den Kindern handelt es sich um so genannte „High-Stakes“-Prüfungen: Der Test erstreckt sich über mehrere Tage und dient als zentrales Kriterium für die Zuweisung auf die Art der weiterführenden Schule. Die Tests der Elterngeneration waren zwar kürzer und weniger folgenreich, inhaltlich jedoch mit den heutigen Tests vergleichbar. So lässt sich das relative Stärkenprofil (Mathe vs. Sprache) von Eltern und Kindern direkt gegenüberstellen.

Methodischer Ansatz: Vergleich innerhalb von Familien

Methodisch nutzen wir familieninterne Vergleiche: Wie groß ist der Mathevorsprung gegenüber Sprache bei den Eltern, und wie groß ist er bei ihren Kindern? Einflüsse, die beide Fächer gleichermaßen betreffen – etwa allgemeine Ressourcen des Elternhauses oder die generelle Qualität einer Schule – heben sich in dieser Gegenüberstellung komplett auf. So nähern wir uns der Frage, was speziell das relative Stärkenprofil beeinflusst.

Die Übertragung relativer Stärken von Eltern zu Kindern

Im Ergebnis beobachten wir: Wenn die Eltern in Mathe besser waren als in Sprache, dann waren häufig auch ihre Kinder besser in Mathe als in Sprache. Über die Stärke des Effekts lässt sich sagen, dass sich ein Eltern-Vorsprung von zehn Perzentilpunkten in Mathe (gegenüber Sprache) bei den Kindern in etwa einem Perzentilpunkt widerspiegelt (vgl. Abbildung 1). Dieser Zusammenhang ist statistisch hochsignifikant und bleibt auch dann bestehen, wenn wir den Einfluss von Großeltern oder regionalen Faktoren herausrechnen (um der Vermutung zu begegnen, Eltern und Kinder hätten deswegen das gleiche Stärkenprofil, weil z. B. der Beruf der Großeltern oder die regionale Wirtschaftsstruktur Eltern wie Kinder gleichermaßen in Richtung Mathe beeinflussten). Die Stärke der Übertragung hängt dabei nicht davon ab, ob wir die Übertragung zwischen Mutter und Tochter oder Vater und Sohn untersuchen. Diese Ergebnisse ergänzen die bisherige Literatur, die eine starke intergenerationelle Persistenz zwischen Eltern und Kindern in Bezug auf Einkommen,3 Bildungsniveau4 und beruflichen Status5 zeigt.

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Können relative Stärken durch Bildungspolitik beeinflusst werden?

Empfohlene Publikationen

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Where Do STEM Graduates Stem from? The Intergenerational Transmission of Comparative Skill Advantages

Eric A. Hanushek Babs Jacobs Guido Schwerdt Rolf van der Velden Stan Vermeulen Simon Wiederhold

in: IWH Discussion Papers, Nr. 13, 2023

Abstract

The standard economic model of occupational choice following a basic Roy model emphasizes individual selection and comparative advantage, but the sources of comparative advantage are not well understood. We employ a unique combination of Dutch survey and registry data that links math and language skills across generations and permits analysis of the intergenerational transmission of comparative skill advantages. Exploiting within-family between-subject variation in skills, we show that comparative advantages in math of parents are significantly linked to those of their children. A causal interpretation follows from a novel IV estimation that isolates variation in parent skill advantages due to their teacher and classroom peer quality. Finally, we show the strong influence of family skill transmission on children’s choices of STEM fields.

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Außerdem in diesem Heft

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Die Sorge um De-Industrialisierung führt in die Irre

Reint E. Gropp

in: Wirtschaft im Wandel, Nr. 3, 2025

Abstract

Eine der größten Sorgen sowohl der aktuellen als auch der vorhergehenden Regierung ist es, in Deutschland wichtige Industrieproduktion zu erhalten beziehungsweise neu anzusiedeln. Dabei geht es um eine breite Palette von Sektoren: Halbleiter, Batterien, Chemie, Stahl, Pharmazeutika oder Elektroautos. Basierend auf diesem Ziel werden signifikante Subventionen gerechtfertigt, etwa Einzelsubventionen in Milliardenhöhe für individuelle Unternehmen (Intel, TSMC) oder generelle Vergünstigungen wie der Industriestrompreis. Deutschland ist mit dieser Sorge nicht allein; auch die USA, die EU, Indien, Indonesien und viele weitere Länder versuchen, Anreize für inländische Produktion zu schaffen.

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Aktuelle Trends: Wofür werden die Kohlemilliarden verwendet?

Oliver Holtemöller Mirko Titze

in: Wirtschaft im Wandel, Nr. 3, 2025

Abstract

Mit rund 41 Mrd. Euro will der Bund den Regionen helfen, die vom Kohleausstieg betroffen sind. Die Wirtschaftsforschungsinstitute IWH und RWI haben den Zwischenbericht 2025 im Rahmen der begleitenden Evaluierungsforschung dazu vorgelegt.

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Wie sich die Klimapolitik auf die Einkommensungleichheit auswirken könnte

Marie Young-Brun

in: Wirtschaft im Wandel, Nr. 3, 2025

Abstract

Der Klimawandel wirkt sich zunehmend auf die wirtschaftliche Entwicklung in aller Welt aus. Ärmere Haushalte sind dabei den Auswirkungen des Klimawandels stärker ausgesetzt und verletzlicher, sodass der Klimawandel die Ungleichheit wahrscheinlich noch verstärken wird. Politische Maßnahmen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen können eine Verschärfung des Klimawandels verhindern, schaffen aber auch ökonomische Gewinner und Verlierer. In diesem Beitrag werden die kombinierten Auswirkungen des Klimawandels und ausgewählter politischer Maßnahmen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen auf die wirtschaftliche Ungleichheit untersucht. Die Bewertung erfolgt anhand von acht Modellen für die integrierte Analyse von Klimawandel und wirtschaftlicher Entwicklung, die von verschiedenen Forscherteams unter Verwendung unterschiedlicher Annahmen und Methoden entwickelt wurden. Die Ergebnisse basieren auf historischen Daten und Zukunftsszenarien für zehn Länder in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Die Umsetzung einer ehrgeizigen Klimapolitik im Einklang mit dem Pariser Abkommen führt demnach zu einer geringeren Ungleichheit in der Zukunft als der Verzicht auf Maßnahmen zur Milderung des Klimawandels, auch wenn die Ungleichheit aufgrund der Kosten für die Reduzierung der Treibhausgasemissionen kurzfristig zunimmt. Die Verwendung der Einnahmen aus der Kohlenstoffbepreisung kann dazu beitragen, die Verteilungseffekte der Klimapolitik zu dämpfen und die Ungleichheit kurzfristig sogar zu verringern. Diese Ergebnisse unterstreichen die Rolle von Ausgleichsmechanismen bei der Gestaltung einer fairen und politisch durchsetzbaren Klimapolitik.

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Rückblick auf den 11. FIN-FIRE-Workshop „Challenges to Financial Stability“

Erik Ködel Michael Koetter

in: Wirtschaft im Wandel, Nr. 3, 2025

Abstract

Im September 2025 reisten Finanzökonomen aus aller Welt zum elften Mal nach Halle, um am jährlichen FIN-FIRE-Workshop am IWH teilzunehmen. Zwei Tage lang gaben die Autoren von zehn Beiträgen einen umfassenden Überblick über aktuelle Themen, die potenzielle Herausforderungen für das Finanzsystem darstellen, z. B. mangelnden Datenschutz bei der Vergabe von Immobilienkrediten, Unsicherheiten in Anleihemärkten aufgrund von Klimarisiken, Intransparenz bei synthetischen Risikotransferprodukten, die Auswirkungen geopolitischer Risiken auf die Kreditvergabe sowie granulare Friktionen bei der Transmission geldpolitischer Maßnahmen. Ein intensiver Gedankenaustausch zwischen Autoren, Ko-Referenten und Plenum führte zu neuen Erkenntnissen über die Widerstandsfähigkeit und Fragilität unserer Finanzsysteme.

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