Corona

Die Pandemie stellt Gesellschaft und Ökonomie vor bislang unbekannte Herausforderungen. Wie gelingt die Bekämpfung des Virus, ohne die Wirtschaft dauerhaft zu beschädigen?

Dossier

 

Auf den Punkt

Die neuartige Lungenkrankheit COVID-19 entwickelte sich im Januar 2020 in China zur Epidemie und wurde zwei Monate später von der Weltgesundheitsorganisation zur Pandemie erklärt. Seitdem hat das Virus auch die globale Ökonomie fest im Griff. Wie in vielen anderen Ländern wurden auch in Deutschland das gesellschaftliche Leben und Teile der Wirtschaft einige Wochen durch staatlich verordnete Kontaktbeschränkungen stillgelegt. Nach dem Lockdown schien die Ausbreitung des Virus in Deutschland im Sommer erfolgreich gestoppt zu sein. Dann jedoch trafen im Herbst 2020 die zweite und im Frühjahr 2021 die dritte Welle der Pandemie die Wirtschaft hart. Vor allem der Dienstleistungssektor ist betroffen.

Mit zunehmender Dauer der Kontakteinschränkungen wird deren hoher Preis deutlich. Neben massiven staatlichen Ausgaben für Kurzarbeit und Soforthilfen an existenzbedrohte Unternehmen sind vor allem die eingeschränkte Teilhabe an Bildung gerade für benachteiligte Kinder und Jugendliche sowie die schleichende Entmutigung einer Gesellschaft ohne Begegnungen, Feste und Kulturleben besorgniserregend. Seit Beginn der Impfungen Anfang 2021 ist immerhin Licht am Ende des Tunnels sichtbar. Dennoch: Deutschland wird noch viele Monate mit dem Virus leben müssen. Die Strategie muss daher sein, mit einer intelligenten Kombination aus Impfen und Testen das normale Alltagsleben wieder zu ermöglichen, ohne dabei die Infektionszahlen aus dem Ruder laufen zu lassen.

Wirtschaftliche Interessen und Anti-Corona-Maßnahmen dürfen dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden. Vielmehr kommt es darauf an, rechtzeitig effektive Eindämmungsmaßnahmen zu beschließen. Den richtigen Zeitpunkt für zielgenaue Maßnahmen zur Dämpfung der vierten Welle ab Herbst 2021 scheint die deutsche Politik verpasst zu haben. Die fünfte (Omikron-)Welle muss nun rechtzeitig antizipiert werden.

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Seit Beginn der Pandemie befassen sich die Konjunkturforscher des IWH intensiv mit den kurz- und mittelfristigen ökonomischen Auswirkungen. In den vierteljährlichen IWH-Prognosen, den halbjährlichen Gemeinschaftsdiagnosen zusammen mit den anderen großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten sowie im IWH-Flash-Indikator zur frühzeitigen Prognose des nächsten Quartals analysieren sie die aktuelle Entwicklung der Pandemie, die Eindämmungsmaßnahmen des Staates und die Folgen für die Wirtschaft in Deutschland, Europa und der Welt.

Auf Basis eines Modells, das den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Mobilität und Infektionszahlen abbildet, hat das IWH in einer Policy Note abgeschätzt, dass die im März 2021 erfolgten Lockerungen bei den Eindämmungsmaßnahmen die wirtschaftliche Mobilität in Deutschland um 10% und die Zahl der Infektionen und der Todesfälle um je 25% ansteigen ließen.

Bezüglich der Corona-Hilfen für die Wirtschaft ist das IWH der Ansicht, dass die beste Wirtschaftspolitik atuell in der erfolgreichen Eindämmung der Pandemie besteht. In der Schuldenfinanzierung der Staatshilfen sehen die IWH-Forscher grundsätzlich kein Problem. Jedoch plädieren sie dafür, die Mittel für den Ausgleich tatsächlicher sozialer und wirtschaftlicher Schäden einzusetzen statt für eine unspezifische Stimulierung der Nachfrage, wie sie in der Mehrwertsteuersenkung zum Ausdruck kam.

Kommt die Insolvenzwelle noch?

Insolvenzen dienen als Gradmesser für das ökonomische Ausmaß der Coronakrise, denn sie bedeuten den unfreiwilligen Marktaustritt von Unternehmen, gehen mit Jobverlusten einher und bergen aufgrund plötzlich gekappter Lieferbeziehungen die Gefahr der Ansteckung von Unternehmen zu Unternehmen. Eine IWH Policy Note erläutert die Bedeutung von Insolvenzen als ökonomischer Indikator und erklärt, wie Daten zu Insolvenzen möglichst aktuell erhoben werden können.

Mit dem monatlich veröffentlichten IWH-Insolvenztrend startete die Insolvenzforschungsstelle des IWH im Mai 2020 kurz nach dem ersten Lockdown  ein im Zuge der Corona-Krise medial viel beachtetes Informationsangebot. Zwei Monate früher als die amtliche Statistik liefert er Zahlen zum aktuellen Insolvenzgeschehen und ordnet diese ein. Nachdem im Sommer 2020 eine Zunahme von Großinsolvenzen zu beobachten war, werden seitdem fast kontinuierlich Insolvenzzahlen gemeldet, die unter dem Vorkrisenniveau liegen. Eine Insolvenzwelle, womöglich aufgestaut durch staatliche Hilfen und die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht, ist in den Daten bisher nicht zu erkennen.

Eine weitere Policy Note stellt das Insolvenzgeschehen des Corona-Jahres 2020 in den Zusammenhang mit dem langfristigen Trend abnehmender Insolvenzen. Ausgehend davon, wie Insolvenzen in der Vergangenheit konjunkturell reagiert haben, liefert sie eine Prognose der Entwicklung der Insolvenzzahlen in Reaktion auf den Corona-Schock und offenbart über die Differenz zu den viel niedrigeren tatsächlichen Zahlen, wie stark die staatlichen Hilfen einschließlich der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht das Geschehen gedämpft haben. Die Studie zeigt auch, wie sich das Insolvenzgeschehen auf die besonders von der Pandemie betroffenen Branchen konzentriert.

Die Krise gefährdet auch die Finanzstabilität

Im Unterschied zur Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009, die im Finanzsektor ihren Ursprung hatte und dann auf die reale Wirtschaft übersprang, trifft die Corona-Krise direkt die Realwirtschaft. Doch wenn viele Firmen krisenbedingt zahlungsunfähig werden, bringt dies auch die Banken in Gefahr. Das IWH hat in zwei Policy Notes im Juni und Juli 2020 auf diese Gefahr hingewiesen und ihre Größenordnung in verschiedenen Szenarien abgeschätzt. Danach können selbst unter der optimistischen Annahme einer raschen wirtschaftlichen Erholung dutzende deutsche Banken durch ausfallende Kredite ihrer Unternehmenskunden in eine existenzbedrohende Lage geraten. Betroffen sind vor allem Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die die von der Pandemie besonders heimgesuchten Branchen wie Einzelhandel und Gastgewerbe finanzieren. In einigen deutschen Regionen treffen zudem schwach kapitalisierte Banken und ein stark vom Corona-Schock betroffenes Schuldnerportfolio zusammen.

Geraten die Banken in Not, kommt die Kreditversorgung der Unternehmen ins Stocken. Dies könnte eine zweite Welle der Rezession auslösen. Bisher hat die großzügige staatliche Unterstützung für die Unternehmen einen massiven Kreditausfall verhindert. Die Kehrseite ist eine wachsende Zahl von Zombie-Unternehmen, die sich nur noch durch diesen Finanztropf am Leben erhalten. Irgendwann wird die Insolvenzwelle kommen. Die Bankenaufsicht muss vorbereitend versuchen, die Kapitalbasis der besonders gefährdeten Banken zu stärken. Sonst droht eine erneute Rettung von Banken mit Steuergeldern ohne systematische Restrukturierung ihres Firmenkreditportfolios.

Wir brauchen eine neue Corona-Strategie

Bereits nach der ersten Corona-Welle im Frühjahr 2020 plädierte IWH-Präsident Reint Gropp für flächendeckende Tests unter der erwerbsfähigen Bevölkerung und gleichzeitige schützende Isolierung der Risikogruppen, um den Menschen ein Stück Normalität wiederzugeben. Damals war ein Impfstoff noch nicht in Sicht. Inzwischen ist die Impfkampagne angelaufen. Sie sollte massiv ausgebaut werden und gemeinsam mit den Schnell- und Selbsttests die Säulen der Pandemiebekämpfung bilden. Staatlicher Dirigismus muss wieder durch das Prinzip der Selbstverantwortung der Menschen ersetzt werden. Das grobe Mittel des Lockdowns ist nicht mehr zeitgemäß. Ins Unbestimmte verlängert schädigt er die Wirtschaft, untergräbt Bildungschancen, vergrößert die soziale Ungleichheit, gefährdet die seelische Gesundheit und erodiert das Vertrauen der Menschen in die Demokratie.

Publikationen zum Thema „Corona“

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Kommentar: Wir brauchen eine neue Corona-Strategie

Reint E. Gropp

in: Wirtschaft im Wandel, Nr. 1, 2021

Abstract

Die gegenwärtige Corona-Strategie der Bundes­regierung, wenn man sie denn so nennen kann, konzentriert sich darauf, besonders gefährdete Personen durch Impfung zu schützen und die Ansteckung aller anderen durch den Lockdown zu vermeiden. Sie ignoriert, dass Menschen im täglichen Leben immer Risiken eingehen und dabei auch Risiken berücksichtigen, die durch das Verhalten anderer entstehen. Sie entscheiden selbst, wie stark sie sich gefährden, je nach ihrer persönlichen gesundheitlichen Situation und Risikoaffinität. Die Möglichkeit, Risiken einzugehen, ist ein inhärenter Teil einer freiheitlichen Gesellschaft: Die Gesellschaft vertraut prinzipiell dem Einzelnen, einigermaßen vernünftige Entscheidungen zu treffen – und die Konsequenzen zu tragen, wenn die Dinge schiefgehen. Der Staat setzt dabei die Rahmenbedingungen, aber niemals mit dem Ziel, das Risiko für den Einzelnen auf null zu drücken. 

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Aktuelle Trends: Trendmäßiger Anstieg der Sterbefälle in Deutschland – Altersstruktur bei der Interpretation der Sterblichkeit berücksichtigen

Birgit Schultz

in: Wirtschaft im Wandel, Nr. 1, 2021

Abstract

In Deutschland steigt aufgrund der Altersstruktur die Anzahl der jährlichen Sterbefälle. Ein einfacher Vergleich der aktuellen Sterbefälle mit dem Durchschnitt der Vorjahre ist daher nicht geeignet, um die Übersterblichkeit während der Pandemie zu beurteilen.

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Unternehmensinsolvenzen in Deutschland im Zuge der Corona-Krise

Oliver Holtemöller

in: Wirtschaft im Wandel, Nr. 1, 2021

Abstract

Die Corona-Pandemie hat die deutsche Wirtschaft in eine tiefe Rezession getrieben. In diesem Beitrag wird analysiert, wie sich die Rezession in den Unternehmensinsolvenzen niederschlägt. Prognosen auf Basis des üblichen Zusammenhangs zwischen Bruttowertschöpfung und Unternehmensinsolvenzen nach Wirtschaftsbereichen deuten auf eine kräftige Zunahme der Unternehmensinsolvenzen im zweiten Halbjahr 2020 hin. Für Unternehmensinsolvenzen gelten allerdings seit März 2020 Ausnahmeregelungen, die das Ziel haben, allein durch die Corona-Krise bedingte Unternehmensinsolvenzen zu vermeiden. Ferner erhalten die Unternehmen finanzielle Unterstützung im Rahmen der Corona-Hilfspakete. Mit zunehmender Dauer der wirtschaftlichen Beeinträchtigungen nimmt die Wahrscheinlichkeit von Unternehmensinsolvenzen gleichwohl zu, sodass nach Aufhebung der Ausnahmeregelungen Insolvenzen nachgeholt werden dürften und das übliche konjunkturelle Muster wieder greift.

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IWH-Flash-Indikator I. Quartal und II. Quartal 2021

Katja Heinisch Oliver Holtemöller Axel Lindner Birgit Schultz

in: IWH-Flash-Indikator, Nr. 1, 2021

Abstract

Seit November 2020 befindet sich Deutschland im Lockdown. Dadurch konnte sich der Erholungskurs der deutschen Wirtschaft im vierten Quartal nicht weiter fortsetzen, und das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stagnierte mit 0,1% nahezu. Durch die Mitte Dezember weiter verschärften Eindämmungsmaßnahmen wird die wirtschaftliche Aktivität in vielen Branchen im laufenden Quartal erschwert oder gänzlich verhindert. Auch ein weiteres Sinken der Anzahl der Covid-19-Infizierten dürfte daran so schnell nichts ändern, da die Furcht vor hochinfektiösen Corona-Mutationen groß ist. Ebenfalls versprechen die mittlerweile zugelassenen Impfstoffe gegen Covid-19-Erkrankungen keine kurzfristige Verbesserung der Situation, da sie wohl frühestens in einigen Monaten für die breite Masse der Bevölkerung verfügbar sein werden. Aufgrund der robusten Nachfrage aus dem Ausland dürfte die Wirtschaftsleistung laut IWH-Flash-Indikator jedoch im ersten Quartal 2021 nur um 0,7% zurückgehen und im zweiten Quartal, wenn die Corona-Eindämmungsmaßnahmen langsam zurückgeführt werden sollten, um 1,5% steigen. (vgl. Abbildung 1).

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Insolvenzen in der Corona-Krise

Steffen Müller

in: IWH Policy Notes, Nr. 2, 2021

Abstract

Die Insolvenzzahlen sind trotz Corona-Krise im Jahr 2020 stark gesunken. Diese paradoxe Situation kann in erster Linie durch staatliche Unterstützungsmaßnahmen und abwartendes Verhalten bei den Unternehmen erklärt werden. Die Krise traf die meisten Unternehmen am Ende einer langanhaltenden wirtschaftlichen Boomphase und somit haben viele Unternehmen umfangreiche Reserven aufgebaut, die sie in Erwartung eines Nach-Corona Booms aufbrauchen. Obwohl eine Insolvenzwelle ab Frühjahr nicht auszuschließen ist, ist sie doch eher unwahrscheinlich. Der Staat muss seine Kräfte bündeln um ein Wiederaufflammen der Pandemie nach dem Sommer 2021 zu verhindern und gleichzeitig die Stützungsmaßnahmen bereits im Jahr 2021 beenden, um eine „Zombifizierung“ der Wirtschaft zu unterbinden.

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