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Aufschwung verliert an Fahrt – Weltwirtschaftliches Klima wird rauer: Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2018

Der Aufschwung in Deutschland geht in sein sechstes Jahr. Er hat allerdings an Fahrt eingebüßt. Dies hat sowohl nachfrageseitige als auch angebotsseitige Gründe. Zum einen hat sich das Auslandsgeschäft im Einklang mit der Verlangsamung der Konjunktur in den wichtigsten deutschen Absatzmärkten abgeschwächt. Zum anderen sehen sich Unternehmen allem Anschein nach zunehmend produktionsseitigen Engpässen gegenüber, vor allem bei Arbeitskräften und beim Bezug von Vorleistungsgütern. Überlagert wird dies durch Probleme in der Automobilindustrie im Zusammenhang mit der Einführung des neuen Prüfverfahrens WLTP, die aufgrund der hohen gesamtwirtschaftlichen Bedeutung der Branche sichtbare Spuren beim Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts hinterlassen. Die Umstellungsprobleme dürften aber im Winterhalbjahr überwunden werden. Hinzu kommen Impulse aufgrund von finanzpolitischen Maßnahmen, die zum Jahresbeginn 2019 in Kraft treten. Im Durchschnitt dürfte die Wirtschaftsleistung nach einem Zuwachs um 1,7 Prozent in diesem Jahr mit Raten von 1,9 Prozent im Jahr 2019 und 1,8 Prozent im Jahr 2020 expandieren. Die Beschäftigung dürfte weiter spürbar, wenngleich mit abnehmendem Tempo ausgeweitet werden. Die registrierte Arbeitslosigkeit nähert sich gegen Ende des Prognosezeitraums wohl der Marke von 2 Millionen. Die Inflation wird sich dabei voraussichtlich von 1,8 Prozent im Durchschnitt dieses Jahres auf 2,0 Prozent im kommenden Jahr beschleunigen und 2020 bei 1,9 Prozent liegen. Trotz einer expansiv ausgerichteten Finanz-politik zeichnen sich für den Staat weiterhin Haushaltsüberschüsse ab, die allerdings von 54 Milliarden Euro auf 41 Milliarden Euro zurückgehen werden.

27. September 2018

Autoren Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose

Inhalt
Seite 1
Weltkonjunktur
Seite 2
Deutschland
Seite 3
Risiken für die deutsche und die internationale Konjunktur Auf einer Seite lesen

Im Herbst 2018 sind die Unsicherheiten über den Fortgang der Weltkonjunktur groß. Bis zum Sommer expandierte die globale Produktion zwar weiterhin recht kräftig. Zuletzt haben sich aber die Aussichten spürbar eingetrübt. Zum einen stellen sich die finanziellen Rahmenbedingungen für die Schwellenländer aufgrund eines Rückzugs von internationalen Investoren nunmehr schlechter dar; in der Türkei und in Argentinien nahm die Entwicklung krisenhafte Ausmaße an. Zum anderen überschatten Handelskonflikte den Ausblick. Die Unterschiede in der konjunkturellen Dynamik zwischen den Ländern sind seit Jahresbeginn wieder größer geworden. In den USA hat der Aufschwung wegen des starken Impulses seitens der Finanzpolitik noch einmal an Schwung gewonnen, und in China legte die Produktion weiter deutlich zu. Im Euroraum dagegen hat die Konjunktur an Fahrt verloren, besonders ausgeprägt in Frankreich und in Italien.

Der Welthandel, der Ende vergangenen Jahres noch kräftig gestiegen war, wurde seit Jahresbeginn kaum noch ausgeweitet. Darin spiegelt sich allerdings nur zum Teil die Verschlechterung der handelspolitischen Rahmenbedingungen. Denn zum einen stagniert dieser bereits seit dem Jahreswechsel, während die von den USA ergriffenen handelspolitischen Maßnahmen und die Vergeltungszölle anderer Länder erst im Sommer in Kraft traten. Zum anderen betreffen die bisher ergriffenen Maßnahmen nur einen kleinen Kreis von Gütern. Schließlich haben die Währungen der von den US-Zöllen betroffenen Länder seit Beginn des Handelskonflikts meist sehr stark gegenüber dem US-Dollar abgewertet, was dem mit der Zollanhebung verbundenen Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit entgegenwirkt. Allerdings dürften die Handelskonflikte die Konjunktur über die unmittelbaren Wirkungen auf den Handel hinaus dämpfen, da die Planungssicherheiten für Unternehmen vermindern.

Im Jahresverlauf ist der Erdölpreis stark gestiegen und lag im August um rund 45 Prozent höher als vor einem Jahr. Dies hat die Verbraucherpreise in den größeren fortgeschrittenen Volkswirtschaften verstärkt steigen lassen. Im Sommer erreichte die Inflationsrate in den USA fast 3 Prozent und überstieg im Euroraum das von der EZB mittelfristig angestrebte Inflationsziel von etwa 2 Prozent leicht. In Japan war die Inflation mit 0,9 Prozent allerdings immer noch gering. Die (um die Energiepreiskomponente bereinigte) Kernrate hat sich bislang nur in den USA erhöht. Sowohl in Japan (0,3 Prozent im Juli) als auch im Euroraum (1,3 Prozent im August) blieb sie praktisch unverändert.

In den USA hat die Geldpolitik aufgrund der anziehenden Inflation das Tempo der geldpolitischen Straffung erhöht. Die Fed hat ihr Zielband für die Federal Funds Rate in diesem Jahr bereits zweimal angehoben auf derzeit 1,75 bis 2,0 Prozent. Gleichzeitig kommuniziert sie, dass mit weiteren Anhebungen zu rechnen ist. Sofern die konjunkturelle Expansion anhält, dürfte der Leitzins Ende 2019 bei 2,5 bis 2,75 Prozent und damit ungefähr bei einem konjunkturneutralen Niveau angekommen sein. Im Euroraum und in Japan liegen die Leitzinsen dagegen unverändert bei 0 Prozent. Allerdings führen die Notenbanken den Umfang ihrer Wertpapierkäufe zurück. Die EZB beabsichtigt, die Nettokäufe Ende 2018 ganz einzustellen, der Leitzins dürfte aber erst in der zweiten Jahreshälfte 2019 angehoben werden. Für Japan zeichnet sich noch keine Zinserhöhung ab.

Die Kapitalmarktzinsen sind in den USA angesichts der erwarteten Geldpolitik und der robusten Konjunktur gestiegen. Bei zehnjährigen Staatsanleihen beträgt der Renditeabstand gegenüber deutschen oder britischen Titeln gegenwärtig 2,6 beziehungsweise 1,6 Prozentpunkte. Zugleich haben Finanzanlagen in Schwellenländern an Attraktivität verloren. Damit einhergehend sind Nettokapitalzuflüsse dort signifikant zurückgegangen, was die wirtschaftliche Dynamik der Schwellenländer schwächt. Problematisch ist, dass Kapitalabflüsse selbstverstärkende Effekte haben können, insbesondere wenn länderspezifische Risiken gesehen werden. Dies trifft gegenwärtig für Argentinien und für die Türkei zu. Zugleich haben die Währungen nahezu aller Schwellenländer in den vergangenen Monaten spürbar abgewertet, was darauf hindeuten könnte, dass Investoren Anlagen in diesem Länderkreis generell riskanter einschätzen. Die wirtschaftlichen Risiken für die Schwellenländern sind vor diesem Hintergrund zwar deutlich gestiegen, eine krisenhafte Zuspitzung wie während der Asienkrise 1997/1998 ist aber nicht zu erwarten. Die meisten Schwellenländer sind weniger exponiert als damals, weil die Fremdwährungsverschuldung stark reduziert wurde und der Kapitalbedarf zur Finanzierung von Leistungsbilanzdefiziten zumeist gering ist. Unter den fortgeschrittenen Volkswirtschaften ist die Finanzpolitik vor allem in den USA ausgesprochen expansiv ausgerichtet. Leicht expansiv ist die Ausrichtung auch in einigen Länder des Euroraums. Die britische Regierung hat ihre Sparpläne zwar gelockert, bleibt aber auf einem leicht restriktiven Kurs. In Japan ist vorgesehen, den Mehrwertsteuersatz im Herbst 2019 von 8 Prozent auf 10 Prozent zu erhöhen, einen Teil der Mehreinnahmen will die Regierung aber für zusätzliche Staatsausgaben verwenden.

Unter den fortgeschrittenen Volkswirtschaften ist die Finanzpolitik vor allem in den USA ausgesprochen expansiv ausgerichtet. Leicht expansiv ist die Ausrichtung auch in einigen Länder des Euroraums. Die britische Regierung hat ihre Sparpläne zwar gelockert, bleibt aber auf einem leicht restriktiven Kurs. In Japan ist vorgesehen, den Mehrwertsteuersatz im Herbst 2019 von 8 Prozent auf 10 Prozent zu erhöhen, einen Teil der Mehreinnahmen will die Regierung aber für zusätzliche Staatsausgaben verwenden.

Alles in allem erwarten die Institute, dass die Weltkonjunktur aufwärts gerichtet bleibt. Die gesamtwirtschaftliche Produktion in dem in diesem Gutachten berichteten Länderkreis dürfte im Jahr 2018 um 3,3 Prozent sowie um 3,0 Prozent im Jahr 2019 bzw. um
2,9 Prozent im Jahr 2020 expandieren. Treibende Kraft bleibt angesichts der geld- und der finanzpolitischen Ausrichtung in den meisten Ländern die Binnenkonjunktur, während die Verunsicherung über die Zukunft der Welthandelsordnung weiterhin belastend wirken dürfte. Global verliert die Expansion im Prognosezeitraum allerdings voraussichtlich an Tempo. Der Anstieg des Welthandels dürfte sich im Jahr 2018 deutlich auf 3,4 Prozent verringern, in den kommenden beiden Jahren dürfte er allenfalls 3 Prozent erreichen.

Im Euroraum schwächte sich die Konjunktur nach der kräftigen Expansion im vergangenen Jahr in der ersten Jahreshälfte 2018 ab. Maßgeblich war, dass die Exporte nach sehr kräftigen Zuwächsen im Vorjahr an Fahrt verloren. Der private Verbrauch und die Investitionen nahmen im ersten Halbjahr insgesamt hingegen in wenig verändertem Tempo zu. Zu Beginn des dritten Quartals wirkten sich Probleme bei der Umstellung auf den neuen Abgas-Teststandard WLTP negativ auf die Produktion in der Automobilindustrie aus, was auf die Gesamtwirtschaft durchschlug. Im Prognosezeitraum wird die Finanzpolitik der Konjunktur Impulse geben. Zudem regen die günstigen Finanzierungsbedingungen und die hohe Kapazitätsauslastung die Investitionstätigkeit an. Die sich weiter bessernde Lage am Arbeitsmarkt und steigende Löhne stärken die privaten Konsumausgaben. Der Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts dürfte im laufenden Jahr 2,0 Prozent betragen, gefolgt von 1,8 Prozent im nächsten Jahr und 1,6 Prozent im Jahr 2020. Damit bleibt der Euroraum im Aufschwung, wenn dieser auch an Fahrt verliert. Dabei wird die Expansion in zunehmende Maße von der Binnenwirtschaft getragen.

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Stefanie Müller
Stefanie Müller
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