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Internationale Konjunktur: USA im Aufwind, Euroraum schwächer

Für das Sommerhalbjahr 2018 zeichnet sich eine regionale Differenzierung des weltwirtschaftlichen Aufschwungs ab. Weniger günstig als zuvor stellt sich die gesamtwirtschaftliche Lage insbesondere im Euroraum dar. Auch sind hier die konjunkturellen Aussichten unsicherer geworden, nachdem an den Finanzmärkten Zweifel an der Stabilität des italienischen Staatshaushalts aufgekommen sind. Die Konjunktur in den USA ist dagegen kräftig, und die chinesische Wirtschaft expandiert weiter stetig.

Im ersten Quartal hat sich der Aufschwung allerdings fast überall verlangsamt (vgl. Abbildung 1), auch wenn die Weltwirtschaft insgesamt immer noch etwas schneller als im Schnitt der vergangenen 20 Jahre expandierte: In den USA weiteten die privaten Haushalte ihre Ausgaben gemächlicher aus als zuvor, die japanische Konjunktur wurde durch eine Verschärfung der Konditionen für Baukredite gebremst, und die Verlangsamung der Expansion in China liegt im Trend der vergangenen Jahre. Im Euroraum ließ die zuvor recht starke Dynamik der Investitionen in Frankreich und Italien nach, vor allem sanken aber in den meisten großen Mitgliedstaaten die Exporte. Hier schlug sich wohl auch die Aufwertung des Euro (seit Frühjahr 2017 um real effektiv etwa 5%) nieder. Der Welthandel expandierte zu Jahresanfang noch einmal sehr kräftig, hat in den Folgemonaten aber nachgelassen. Verbraucherpreise und Löhne steigen in den großen Volkswirtschaften weiter nur moderat, obwohl die Arbeitslosigkeit insbesondere in den USA, Japan und Deutschland von sehr niedrigem Niveau aus noch einmal gesunken ist.

Die Rohstoff- und Finanzmärkte stehen derzeit stark unter dem Einfluss politisch gesetzter Rahmenbedingungen. So ist der sehr deutliche Anstieg des Ölpreises (um etwa 50% gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 77 US-Dollar Anfang Juni) nicht nur auf die Begrenzung der Fördermengen durch die OPEC und Förderausfälle in Venezuela, sondern auch auf die Wiederaufnahme der US-Sanktionen gegenüber dem Rohölexporteur Iran zurückzuführen. Auch das Geschehen auf den Finanzmärkten steht deutlich unter dem Eindruck wirtschaftspolitischer Entscheidungen: Seit Ende 2017 sind die US-Kapitalmarktzinsen kräftig gestiegen (für Staatstitel mit zehnjähriger Laufzeit von 2,4% im Dezember auf knapp 3% Anfang Juni), denn es wird für die USA mit einer höheren Inflation und rascheren Zinserhöhungen der Notenbank gerechnet. Hintergrund ist der um die Jahreswende eingeschlagene sehr expansive finanzpolitische Kurs. Er wird mit einem Impuls in der Größenordnung von je einem Prozent relativ zum Bruttoinlandsprodukt in diesem und im kommenden Jahr ausgesprochen prozyklisch wirken. Die höheren US-Zinsen haben den Dollar jüngst wieder aufwerten lassen: Gegenüber dem Euro hat er um 7% zugelegt und damit ein reichliches Drittel des Wertverlusts aus dem Jahr 2017 wettgemacht. Die Verteuerung von internationalem Kapital trifft eine Reihe von Schwellenländern; vor allem die Währungen der vom Zufluss ausländischen Kapitals besonders abhängigen Volkswirtschaften Türkei und Argentinien verzeichnetenstarke Wertverluste, und die Zentralbanken beider Länder sahen sich zu drastischen Leitzinsanhebungen gezwungen. Zudem sind ab Mitte Mai die Risikoprämien für italienische Staatstitel stark gestiegen, bei zehnjähriger Laufzeit gegenüber Bundesanleihen auf etwa 2 ½ Prozentpunkte. Der Grund dafür sind die Ausgabenpläne der neuen italienischen Regierung. Global kann aber nicht von verunsicherten Finanzmärkten gesprochen werden. So sind die impliziten Volatilitäten von Aktienindizes zwar gegenüber dem vergangenen Jahr gestiegen, aus längerfristiger Perspektive aber nicht hoch. Die Aktienkurse tendieren seit einem Rückgang Anfang Februar uneinheitlich und im Schnitt seitwärts.

Expansive fiskalische Impulse kommen nicht nur aus den USA, sondern auch, wenngleich in deutlich geringerem Umfang, aus einigen Euroraumländern. Im Jahr 2018 sind dies vor allem Spanien und die Niederlande, im kommenden Jahr ist es Deutschland. Leicht restriktiv ausgerichtet ist allerdings die Politik in Großbritannien und wohl auch in Japan. Die Notenbanken der großen fortgeschrittenen Volkswirtschaften führen den Expansionsgrad ihrer Geldpolitik weiter zurück. In den USA dürfte der Leitzins bis Ende dieses Jahres auf 2% bis 2,25% angehoben werden. Der Umfang von Wertpapierkäufen durch die japanische Notenbank verringert sich weiter, und im Euroraum dürften die Nettokäufe Ende 2018 wohl ganz eingestellt werden.

Die konjunkturellen Aussichten für den Rest des laufenden Jahres und für das Jahr 2019 sind insgesamt immer noch recht günstig, auch wenn der höhere Ölpreis in den meisten fortgeschrittenen Volkswirtschaften Realeinkommen etwas dämpfen und Produktionskosten erhöhen wird. Für die USA ist schon wegen der massiven finanzpolitischen Impulse der Steuerreform mit kräftigen Zuwachsraten zu rechnen. Das gilt besonders für die Unternehmensinvestitionen, weil diese durch die Möglichkeit der Sofortabschreibung vorübergehend stark an Attraktivität gewinnen. Für China deuten dort wichtige Indikatoren wie der Elektrizitätsverbrauch und die Dynamik der Importe darauf hin, dass die Konjunktur nach wie vor robust ist. Die Wirtschaftspolitik kann es sich vor diesem Hintergrund leisten, die in den vergangenen Jahren überaus hohe Kreditdynamik durch strengere Vergabekriterien abzubremsen. Auch deshalb wird sich der im Jahr 2017 unterbrochene Trend der allmählichen Wachstumsverlangsamung in China in diesem und im nächsten Jahr wieder fortsetzen.

Im Euroraum haben die Stimmungsindikatoren im Frühjahr besonders stark nachgelassen, sie waren zuvor aber auch besonders gut. Die Konjunktur wird nach wie vor von verschiedenen Seiten gestützt: Die Kreditzinsen sind weiter ausgesprochen niedrig, die Finanzpolitik wird dieses Jahr noch etwas expansiver, und die Beschäftigung steigt seit längerem deutlich. Auch werden die Exporteure wohl davon profitieren, dass der Außenwert des Euro jüngst wieder etwas gefallen ist. Allerdings dürften Sorgen um den finanzpolitischen Kurs der neuen Regierung in Italien die wirtschaftlichen Erwartungen im Euroraum spürbar drücken. Alles in allem ist damit zu rechnen, dass die Wirtschaft im Euroraum in den kommenden Quartalen in etwa so stark wie das Produktionspotenzial und damit deutlich langsamer als zuvor zunehmen wird (vgl. Tabelle A2). Die Weltproduktion insgesamt expandiert nach vorliegender Prognose im Jahr 2018 mit 3,2% und im Jahr 2019 um 3,1%. (vgl. Tabelle A1).

Die konjunkturellen Risiken sind in den vergangenen Monaten beträchtlich gestiegen. Das liegt zum einen an der protektionistischen Handelspolitik der USA. Dort will man nun untersuchen, ob die hohen Kraftfahrzeugimporte für das Land ein Sicherheitsrisiko darstellen, das handelspolitisch einzudämmen wäre. Auch hat die US-Regierung im Mai entschieden, die im März beschlossenen Zölle auf Stahl und Aluminium auch auf Importe aus Kanada, Mexiko und der Europäischen Union anzuwenden. Die vorliegende Prognose berücksichtigt diese und andere Belastungen des handelspolitischen Klimas durch eine deutlich verlangsamte Expansion des Welthandels ab Sommer 2018. Falls es zu einer Spirale protektionistischer Maßnahmen zwischen den großen Volkswirtschaften kommt, könnten der Handel und auch die globale Produktion deutlich stärker in Mitleidenschaft gezogen werden.

Ein Risiko speziell für die Konjunktur im Euroraum ist der Verlust an Vertrauen der Finanzmärkte in die Stabilität des italienischen Staatshaushalts. Die Renditen für italienische Staatstitel sind deutlich gestiegen, für zehnjährige Titel um mehr als einen Prozentpunt auf 2,9% (Anfang Juni). Ursache ist die zu erwartende Wende inder Wirtschaftspolitik infolge der Parlamentswahlen im März 2018, denn die Wahlsieger sind mit der Lega und dem Movimento 5 Stelle Parteien, die der Gemeinschaftswährung und vor allem der europäischen Stabilitätspolitik kritisch gegenüberstehen. Deutlich im Widerspruch zum Stabilitäts- und Wachstumspakt steht der im Koalitionsvertrag der beiden Parteien vereinbarte sehr expansive finanzpolitische Kurs. Italien wird sich das Vertrauen der Finanzmärkte wohl nur dann erhalten können, wenn seine Haushaltsführung von der Kommission und den EU-Partnerländern gutgeheißen wird. Nur dann dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) auch notfalls an den Finanzmärkten intervenieren. Käme es zu einem offenen Bruch zwischen Italien und den Institutionen der EU, wäre eine Finanzkrise schon wegen der Verwundbarkeit des italienischen Bankensektors schnell unausweichlich. Damit wäre dann auch der Aufschwung im Euroraum beendet.

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Stefanie Müller
Stefanie Müller
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