Deutsche Industrie kann Gasverbrauch um ein Viertel senken ohne große Umsatzeinbußen

Eine kleine Minderheit von Produkten verursacht bei ihrer Herstellung einen Großteil des Gasverbrauchs der Industrie. Viele könnten relativ leicht durch Importe ersetzt werden, zeigt eine Analyse des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) für das Jahresgutachten der Wirtschaftsweisen. Ein Industriezweig ist besonders betroffen.

Autoren Steffen Müller

Die Herstellung der 300 Produkte mit dem höchsten Gasverbrauch verursacht knapp 90% des gesamten Gasverbrauchs der deutschen Industrie. Somit verwendet die Industrie den Großteil ihres Gasbedarfs auf eine kleine Minderheit von Produkten. Das geht aus einem Gutachten des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hervor, das erstmals den Gasverbrauch bei der Fertigung einzelner Produkte in Deutschland ermittelt hat. Die Analyse entstand für das Jahresgutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Die so genannten Wirtschaftsweisen haben ihren Bericht gestern (09.11.2022) vorgestellt.

Bei einer Vervierfachung des Gaspreises für industrielle Abnehmer in Deutschland erhöhen sich die Herstellungskosten im Durchschnitt aller untersuchten 300 Produkte um 12 Cent je Euro Umsatz. Würde die Kostensteigerung vollständig an die Kunden weitergegeben, müssten die Preise für diese Produkte somit um 12% steigen. Laut IWH-Studie kommen die fünf Produkte mit dem höchsten Gasverbrauch pro Euro Umsatz aus der chemischen Grundstoffindustrie.1 Deren Herstellung in Deutschland dürfte aufgrund der gestiegenen Gaspreise kaum mehr international wettbewerbsfähig sein.

Die deutsche Industrie kann sehr viel Gas bei geringen Umsatzeinbußen einsparen, wenn gasintensive Produkte nicht mehr selbst hergestellt, sondern importiert werden.

Das IWH-Gutachten berechnet verschiedene Szenarien und geht dabei davon aus, dass steigende Gaspreise vor allem zu Produktionsdrosselungen bei gasintensiven Produkten führen, die leicht durch Importe ersetzt werden können. Trotz heimischer Produktionsausfälle sind dann keine wesentlichen Unterbrechungen der Wertschöpfungsketten in Deutschland zu erwarten. Würden Produkte mit hoher Gasintensität und hoher Importsubstituierbarkeit überhaupt nicht mehr in Deutschland hergestellt, würde die deutsche Industrie laut IWH-Studie etwa 26% ihres Gesamtgasverbrauchs einsparen, aber weniger als 3% ihres Umsatzes verlieren.

„Die deutsche Industrie kann sehr viel Gas bei geringen Umsatzeinbußen einsparen, wenn gasintensive Produkte nicht mehr selbst hergestellt, sondern importiert werden“, sagt Steffen Müller, Leiter der IWH-Abteilung Strukturwandel und Produktivität, der die Studie zusammen mit Matthias Mertens verfasst hat.

Für die Untersuchung verknüpften Müller und Mertens Daten der statistischen Ämter in Deutschland, um Zusammenhänge zwischen industriellem Gasverbrauch und Umsatz auf Ebene von Produkten herzustellen. In einem weiteren Schritt kombinierten sie diese Informationen mit Außenhandelsdaten der Vereinten Nationen, um zu ermitteln, inwiefern die Herstellung von Produkten durch Importe ersetzt werden kann.

1 Informationen zu den einzelnen Produkten werden vom IWH nicht veröffentlicht.

 

Veröffentlichung:
Matthias Mertens, Steffen Müller: Wirtschaftliche Folgen des Gaspreisanstiegs für die deutsche Industrie. IWH Policy Notes 2/2022. Halle (Saale) 2022.

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Zugehörige Publikationen

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Wirtschaftliche Folgen des Gaspreisanstiegs für die deutsche Industrie

Matthias Mertens Steffen Müller

in: IWH Policy Notes, 2, 2022

Abstract

Diese Analyse nutzt amtliche Mikrodaten für die deutsche Industrie. Auf Ebene fein untergliederter Produkte werden der Verbrauch an Erdgas und der heimische Produktumsatz mit Daten der Vereinten Nationen zu Exporten und Importen verknüpft. Es zeigt sich, dass die 300 Produkte mit dem höchsten Gasverbrauch innerhalb der deutschen Industrie für knapp 90% des Gasverbrauchs der Industrie stehen, dass bei Gaspreiserhöhungen um das Vierfache gegenüber den Jahren 2015-2017 die Kosten für das durchschnittliche Produkt um 12 Cent pro Euro Umsatz steigen und dass ein Produktionsstopp der Produkte, die sowohl überdurchschnittlich gasintensiv sind als auch überdurchschnittlich leicht durch Importe substituiert werden können, 26% des Gesamtgasverbrauchs der Industrie einspart, aber weniger als 3% des Umsatzes der Industrie kostet.

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