IWH-Studie zu Europas Top-Bankern: Riskante Geschäfte trotz Boni-Obergrenze

Vor zehn Jahren beschloss das EU-Parlament, die flexible Vergütung von Bankmanagern zu deckeln. Doch die Obergrenze für Boni verfehlt ihr Ziel: Manager systemrelevanter europäischer Banken gehen unverändert hohe Risiken ein, zeigt eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

Autoren Michael Koetter

Europas wichtigste Banken haben die Festgehälter ihrer Vorstände erhöht, nachdem die Europäische Union (EU) die flexible Vergütung gedeckelt hatte. Mit der im Jahr 2013 beschlossenen Obergrenze für Bonus-Zahlungen wollte das Europäische Parlament den Anreiz für Bankmanager zu besonders riskanten Geschäften verringern. Doch bleibt die Regulierung wirkungslos: Ökonomen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) fanden keine Belege für verringerte Risiken im Kredit- und Kapitalmarktgeschäft nach Einführung des Bonusdeckels. Einen erhöhten Personalwechsel aus den Chefbüros hiesiger Banken in außereuropäische Geldhäuser oder andere Wirtschaftszweige, vor dem die Finanzindustrie gewarnt hatte, konnten die Forscher nur bei leistungsschwachen Banken feststellen.

Nach der weltweiten Finanzkrise hatte das EU-Parlament vor zehn Jahren die Regulierung durchgesetzt, um Exzessen im Finanzwesen Einhalt zu gebieten und so die Finanzstabilität zu erhöhen. Seitdem dürfen Boni maximal 200% des Fixgehalts ausmachen. Doch anders als erwartet nehmen Bankvorstände teils sogar höhere Risiken in Kauf, wenn leistungsbezogene Boni eine geringere Rolle spielen. Das zeigen gestiegene Risikoindikatoren. „Es wirkt wie eine Versicherung, wenn Banker unabhängig vom Erfolg ihrer Arbeit entlohnt werden“, sagt Michael Koetter, Vizepräsident und Leiter der Abteilung Finanzmärkte am IWH. Er hat die Studie zusammen mit seinen IWH-Kollegen Stefano Colonnello und Konstantin Wagner verfasst. Koetters Fazit: „Der Bonusdeckel verfehlt sein Ziel. Man sollte ihn abschaffen, weil er bis dahin vorsichtige Banker dazu verleiten kann, mehr und sogar zu hohe Risiken einzugehen.“

Banker, die schwierige Entscheidungen bei der Abwägung von Chancen und Risiken treffen, sollten dafür auch anreizkompatibel bezahlt werden. „Eine Neiddebatte zu den Bezügen von Bankern ist dabei nicht förderlich. Sie dürfen viel verdienen, aber eben leistungsabhängig.“ Statt einer Deckelung sollte die Entlohnung aller Banker, auch unterhalb der Vorstandsebene, für die Öffentlichkeit transparenter werden, um eine Kontrolle zu erleichtern. Wie ein jüngst veröffentlichter Bericht der Europäischen Bankenbehörde EBA zeigt, ist die Zahl der Bankmanager, die pro Jahr eine Million Euro und mehr verdienen, zuletzt deutlich gestiegen.

Während frühere Studien zur Wirkung von Bonusdeckeln sich vor allem auf die USA und insbesondere auf Vorstandsvorsitzende konzentrierten, liefern Koetter, Colonnello und Wagner dank neuer Daten empirische Belege für das Handeln gesamter Vorstände europäischer Großbanken. Sie untersuchten 45 systemrelevante Geldhäuser mit insgesamt 130 Vorstandsmitgliedern drei Jahre vor und drei Jahre nach dem Beschluss zum Bonusdeckel. Sie verglichen Bankmanager, deren Vergütung von der Neuregelung betroffen war und deshalb verändert werden musste, mit solchen, deren Entlohnung keiner Änderung bedurfte. Unter Berücksichtigung anderer Faktoren wie der europäischen Schuldenkrise oder der Basel-III-Regulation analysierten die Ökonomen die Erträge der Banken und setzten sie ins Verhältnis zu unterschiedlichen Risikoklassen. So konnten sie die Wirkung des Bonusdeckels identifizieren.

Veröffentlichung – frei verfügbar bis 10. März 2023:

Stefano Colonnello, Michael Koetter, Konstantin Wagner: Compensation Regulation in Banking: Executive Director Behavior and Bank Performance after the EU Bonus Cap, in: Journal of Accounting and Economics, im Erscheinen.


Weitere Publikation:

Konstantin Wagner: Bonusbeschränkung bei Banken: Das Ziel der Risikoverringerung wird nicht erreicht, in: IWH, Wirtschaft im Wandel, Jg. 25 (2), 2019, 32-34. Halle (Saale) 2019.

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