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Bonusbeschränkung bei Banken: Das Ziel der Risikoverringerung wird nicht erreicht

Im Jahr 2014 trat die Regulierung zur Deckelung der variablen Vergütung von Bankvorständen in der Europäischen Union (EU) in Kraft. Ziel dieser Regulierung ist es, die Anreize zur übermäßigen Risikoübernahme zu vermindern. Dieser Beitrag untersucht, ob die Regulierung ihr erklärtes Ziel erreichen konnte und ob sie zudem mit unbeabsichtigten Konsequenzen einherging. Der Vergleich der Vergütungsniveaus vor und nach Einführung der Deckelung zeigt: Banken haben ihre Vorstände für den Verlust variabler Vergütung mit einer permanenten Erhöhung fixer Vergütungsbestandteile entschädigt. Gleichzeitig nahm die risikogewichtete Rentabilität betroffener Institute ab, was auf ein höheres Eigenrisiko zurückzuführen ist. Abgesichert durch hohe Fixgehälter gehen Banker offenbar höhere Risiken ein. Der befürchtete Exodus talentierter Banker aus Europa blieb aus.

04. Juli 2019

Autoren Konstantin Wagner

Inhalt
Seite 1
Variable Vergütung verteuert sich durch neue Regulierung für Banken
Seite 2
Vorstandsmitglieder sind durch die Regulierung im Mittel nicht schlechter gestellt
Seite 3
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Nach der Finanzkrise rückte die Vergütungskultur in den Finanzinstituten verstärkt in den Fokus und zugleich in die Kritik der Öffentlichkeit. Insbesondere die bisweilen sehr hohen Bonuszahlungen sollen zu einer übermäßigen Bereitschaft von Banken zur Übernahme von Risiken geführt haben.[1] Einen ersten Schritt, um diese Anreize zu reduzieren, macht die Capital Requirements Directive (CRD) III.[2] Diese fixiert, dass die Vergütung in Banken an die langfristige Entwicklung der Institution gebunden sein muss. Im Juni 2013 hat das EU-Parlament zudem eine Obergrenze für den Anteil der variablen Vergütung von Bankern in der EU – den so genannten Boni – verabschiedet, die 2014 in Kraft trat. Erklärtes Ziel dieser Regulierung ist es, die Anreize für übermäßige Risikobereitschaft von Banken zu reduzieren, um so die Stabilität des Finanzsystems zu stärken.

Variable Vergütung verteuert sich durch neue Regulierung für Banken

Diese EU-Bonusdeckelung, die Teil der CRD IV ist,[3] geht noch einen Schritt weiter. Die variable Vergütung wird auf maximal 250% der Fixvergütung begrenzt. So sollen mögliche negative Effekte für die Allgemeinheit, die durch bankspezifische Anreizsysteme verursacht werden, vermieden werden. Infolge der Regulierung müssen Banken nun eine höhere Fixvergütung zahlen, wenn sie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in guten Jahren hohe Boni gewähren wollen. Somit verteuern sich Vergütungssysteme, die vormals hohe Anreize bei relativ niedriger Fixvergütung gewährt haben. Die Bonusdeckelung ist EU-weit seit 2014 in Kraft. Bereits im Vorfeld wurde dieses politische Vorhaben in der Finanzindustrie, im politischen Spektrum und nicht zuletzt in der akademischen Welt kontrovers diskutiert. Befürchtet wurde unter anderem eine Benachteiligung europäischer Kreditinstitute auf dem internationalen Arbeitsmarkt für Bankmanager. Eine Abwanderung qualifizierter Führungskräfte könnte zudem auch schlechtere Finanzierungsmöglichkeiten für europäische Unternehmen zur Folge haben.

In der vorliegenden Studie[4] werden die Auswirkungen dieser neuen Regeln zur Vergütungspolitik in Banken untersucht. Die Effekte am Arbeitsmarkt für Bankmanager sowie die Auswirkungen auf die Risikoübernahme in den Instituten stehen dabei im Mittelpunkt. Hierfür wurden jährliche Daten zu Vergütungsprogrammen der Vorstandsmitglieder europäischer Banken erhoben. Die Analyse vergleicht Banker, deren Vergütungskontrakte vor Einführung der neuen Regulierung nicht mit den neuen Regeln kompatibel waren und entsprechend angepasst werden mussten, mit solchen Bankern, deren Kompensationsstruktur durch die Neuregelung nicht betroffen war.

Die Studie untersucht die (beabsichtigten und unbeabsichtigten) Konsequenzen der Vergütungsbeschränkungen in drei Dimensionen. Erstens wird analysiert, ob Vorstandsmitglieder, die von der Regulierung betroffen sind, vermehrt ihre Anstellung wechseln. Dies könnte ein Indiz dafür sein, dass es betroffenen Banken schwerer fällt, qualifizierte Manager an die Bank zu binden. Zweitens wird untersucht, ob und wie sich die Aufteilung in fixe und variable Vergütungsbestandteile geändert hat. Drittens wird evaluiert, ob das erklärte Ziel – die Risikobereitschaft bei den betroffenen Banken zu reduzieren – erreicht wurde.

Banken verlieren kaum Führungskräfte infolge der Regulierung

Philippon und Reshef stellen den Zusammenhang zwischen schwächerer Regulierung des Finanzsektors und einer höheren Nachfrage nach gut ausgebildetem Humankapital durch die US-Finanzbranche über die letzten 100 Jahre dar.[5] Die gut ausgebildeten Arbeitnehmer in der Finanzbranche werden dabei höher vergütet als vergleichbar gut ausgebildete in anderen Sektoren. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass in der Finanzbranche zu arbeiten mit einer Prämie entlohnt wurde. Eine Erklärung hierfür ist, dass diese Prämie erforderlich ist, um das notwendige Humankapital zu akquirieren. Im Hinblick auf die Bonusdeckelung in der EU stellt sich die Frage, ob die neue Regulierung es der europäischen Finanzbranche erschwert, gut ausgebildete und erfahrene Experten zu rekrutieren und zu halten. Die Evidenz der vorliegenden Studie deutet zwar auf leicht gestiegene Ausstiegsraten von Vorstandsmitgliedern bei betroffenen Instituten hin, aber nur infolge ergebnisschwacher Jahre. Dies könnte zwar mit Fluchtreaktionen guter Manager erklärt werden. Ebenfalls könnte das Ergebnis aber auch die Folge einer gestärkten Corporate Governance und besserer Aufsicht der Vorstandsmitglieder in den Instituten sein und wäre dann durchaus im Sinne des Regulators.

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Vorstandsmitglieder sind durch die Regulierung im Mittel nicht schlechter gestellt

Außerdem in diesem Heft

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Kommentar: Die Krise von 2008/2009 ist noch nicht vorbei

Reint E. Gropp

in: Wirtschaft im Wandel, Nr. 2, 2019

Abstract

Kurzfristig war die Finanzkrise, ursprünglich ausgelöst durch exzessive Vergabe von Hypotheken an weniger kreditwürdige Haushalte, verbunden mit der weitverbreiteten Verbriefung dieser Hypotheken, mit schweren realwirtschaftlichen Konsequenzen verbunden. Die Volkswirtschaften aller Industrieländer schrumpften stark, die Arbeitslosigkeit stieg kräftig an. Firmen waren nicht in der Lage, neue Investitionen zu finanzieren, da es für Banken in vielen Ländern nicht möglich war, Kredite zu vergeben. Gleichzeitig führten die Rettungsaktionen der Regierungen zu einer starken Erhöhung der Schuldenstände und zu einer Nullzinspolitik, verbunden mit Anleihekäufen, der wichtigsten Zentralbanken. Wo stehen wir heute, über zehn Jahre nach der Pleite von Lehman, die symbolisch noch immer eng mit der Krise verbunden ist? Und gibt es langfristige Auswirkungen auf die Wirtschaft – Auswirkungen, die wir noch heute spüren und möglicherweise noch viele Jahre spüren werden?

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Aktuelle Trends: Der Rückgang der Exporte nach Russland betrifft alle Bundesländer und ist nur zum Teil durch die Sanktionen der EU gegenüber Russland zu erklären

Oliver Holtemöller Martina Kämpfe

in: Wirtschaft im Wandel, Nr. 2, 2019

Abstract

In den vergangenen 20 Jahren waren die deutschen Exporte nach Russland in Relation zur gesamten Wertschöpfung zweimal rückläufig: zunächst im Jahr 2009 und dann wieder seit etwa dem Jahr 2012, also bevor die Europäische Union 2014 erstmals Handelssanktionen gegenüber Russland verhängte. Betroffen sind alle Bundesländer, der Rückgang dauert meist bis in die heutige Zeit an. Die Sanktionen dürften nur einen Teil des Rückgangs erklären. Vielmehr schwächte sich die Nachfrage nach Investitions- und Konsumgütern aus Russland mit dem Ölpreisverfall und der damit verbundenen Abwertung des Rubels Ende 2014 deutlich ab. Dies betraf nicht nur Deutschland, sondern beispielsweise auch China, das an Sanktionen gegenüber Russland nicht beteiligt ist. Erst 2016, als der Ölpreis wieder stieg, setzte eine teilweise Erholung der russischen Importe ein.

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Langfristige Konsequenzen der Finanzkrise 2008/2009: Nachsichtige Regulierung schadet, flexible Löhne helfen

Reint E. Gropp Carlo Wix

in: Wirtschaft im Wandel, Nr. 2, 2019

Abstract

Die globale Bankenkrise der Jahre 2008/2009 hatte weltweit signifikant negative Auswirkungen auf die Realwirtschaft, und in vielen Ländern fiel die folgende wirtschaftliche Erholung deutlich langsamer aus als in vorherigen Rezessionen. In den Monaten nach der Insolvenz der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers reduzierten Banken ihre Kreditvergabe an Unternehmen, was zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit, einem Rückgang an Investitionen und einer Verringerung der Produktivität führte. Während diese kurzfristigen Effekte in der bisherigen Forschung gut dokumentiert sind, sind die langfristigen Auswirkungen von Bankenkrisen bisher weit weniger gut verstanden. Zwei aktuelle Studien unter IWH-Beteiligung zeigen, dass Bankenkrisen generell negative langfristige Effekte auf das Wachstum von Firmen haben, dass die Rettung von schwachen Banken während der Krise mit Produktivitätsverlusten in späteren Jahren einhergeht, und dass diese negativen langfristigen Effekte durch die Existenz inflexibler Löhne verstärkt werden.

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