Konjunktur aktuell: Preisschock gefährdet Erholung der deutschen Wirtschaft

Der Ukraine-Krieg Russlands trifft die deutsche Wirtschaft vor allem über einen Energiepreisschock, aber auch über die Unterbrechung von Handelsströmen und über eine allgemeine Verunsicherung. Zugleich erhält die Konjunktur aber von der Aufhebung vieler Pandemie-Restriktionen einen kräftigen Schub. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) prognostiziert, dass das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2022 um 3,1% zunehmen wird und der Verbraucherpreisindex um 4,8% höher liegt als vor einem Jahr. Die ostdeutsche Wirtschaft wird vom Krieg kaum schwerer getroffen als die Wirtschaft in Deutschland insgesamt.

Autoren Oliver Holtemöller

Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Europa drastisch verschlechtert. Die Preise für Rohstoffe und Energie und hier besonders für Erdgas sind stark gestiegen, die Sanktionen bringen den Russlandhandel, der über Energielieferungen hinausgeht, nahezu zum Erliegen, und euro-päische Aktienkurse haben deutlich an Wert verloren. Im Fall eines Stopps der russischen Gaslieferungen wäre für Deutschland mit einer Bewirtschaftung des Rohstoffs und einer scharfen Rezession vor allem im Verarbeitenden Gewerbe zu rechnen. Wenn, wie hier unterstellt, Gas weiter geliefert wird, ist der konjunkturelle Haupteffekt der Krise der Energiepreisanstieg, der zu Realeinkommenseinbußen der privaten Haushalte und zum Verlust an Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen führt, insbesondere wegen des in Europa besonders teuren Erdgases. Auch werden Wertschöpfungsketten, die durch die Ukraine oder Russland führten, zerrissen. Der in den meisten Weltregionen schon vor Kriegsbeginn hohe Inflationsdruck verstärkt sich weiter. In den USA werden die geldpolitischen Zügel gestrafft, damit geht das Risiko eines Konjunkturabschwungs im Land selbst, aber auch weltweit einher.

Die deutsche Konjunktur trifft der Krieg in einer Erholungsphase, nachdem die Winterwelle der Pandemie den privaten Konsum und die wirtschaftliche Aktivität im Schlussquartal 2021 noch hatte schrumpfen lassen. „Auch wenn die Pandemie noch keineswegs vorbei ist, dürfte die Erholung mit der Aufhebung vieler zur Pandemiebekämpfung erlassener Restriktionen im März an Schwung gewinnen“, sagt Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident des IWH. Denn die privaten Haushalte werden einen Teil ihrer während der Pandemie angesammelten Ersparnis in den kommenden Quartalen wohl zusätzlich verausgaben, was insbesondere den Dienstleistern zugutekommt. Die Produktion dürfte im zweiten Quartal deshalb recht kräftig expandieren. Freilich müssen die Konsumenten das Geld auch dazu verwenden, die höheren Lebenshaltungskosten zu bestreiten, denn die ohnehin schon starke Preisdynamik in Deutschland wird durch den russischen Krieg noch einmal erhöht. „Die Teuerung, Ausfälle von Exporten nach Osteuropa und eine allgemeine Verunsicherung sind Kanäle, über die der Krieg gegen die Ukraine die deutsche Konjunktur dämpft, was sich in der zweiten Jahreshälfte in deutlich niedrigeren Zuwachsraten der Produktion niederschlägt“, so Holtemöller. Der Aufbau der Erwerbstätigkeit verlangsamt sich im Jahresverlauf 2022. Gegen Ende des Jahres kommt er aufgrund der starken Mindestlohnerhöhung nahezu zum Stehen. Die hohen Energie- und Rohstoffpreise lassen den deutschen Leistungsbilanzsaldo deutlich von 6,9% in Relation zum Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2021 auf 5,4% im Jahr 2022 sinken. Das Haushaltsdefizit dürfte im laufenden Jahr deutlich zurückgehen, denn mit der anziehenden Konjunktur dürften vor allem die Einnahmen der Sozialversicherungen beschleunigt expandieren, während die öffentlichen Ausgaben im Zusammenhang mit rückläufigen Kosten der Corona-Pandemie kaum steigen werden.

Die Langfassung der Prognose (Konjunktur aktuell: Preisschock gefährdet Erholung der deutschen Wirtschaft) enthält vier Kästen:

Kasten 1: Die russische Wirtschaft ist strukturell schwach

Kasten 2:Rahmenbedingungen für die Prognose

Kasten 3: Zur Schätzung des Produktionspotenzials

Kasten 4: Prognose der Treibhausgasemissionen

Langfassung: Drygalla, Andrej; Exß, Franziska; Heinisch, Katja; Holtemöller, Oliver; Kämpfe, Martina; Kozyrev, Boris; Lindner, Axel; Müller, Isabella; Sardone, Alessandro; Schultz, Birgit; Staffa, Ruben; Zeddies, Götz: Konjunktur aktuell: Preisschock gefährdet Erholung der deutschen Wirtschaft. IWH, Konjunktur aktuell, Jg. 10 (1), 2022. Halle (Saale) 2022.

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