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IWH-Flash-Indikator II. Quartal und III. Quartal 2020

Die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal 2020 um 2,2% im Vergleich zum Vorquartal gesunken ist. Dieser starke Rückgang ist vor allem auf die im Laufe des Monats März in Deutschland und in anderen Ländern eingeführten Maßnahmen zur Eindämmung des Virus zurückzuführen. Bereits aus anderen Gründen war das Bruttoinlandsprodukt schon im vierten Quartal 2019 leicht zurückgegangen. Die Rezession wird sich im laufenden Quartal noch weiter vertiefen und das Bruttoinlandsprodukt um 7,2% zurückgehen, weil bis Mitte Mai die Restriktionen zur Eindämmung der Pandemie noch gravierend waren, aber auch weil private Haushalte und Unternehmen eine Vielzahl von wirtschaftlichen Aktivitäten individuell eingeschränkt haben. Im dritten Quartal 2020 dürfte die Produktion dann wieder zulegen, sofern die Eindämmungsmaßnahmen weiter gelockert werden können (vgl. Abbildung 1).

18. Mai 2020

Autoren Katja Heinisch Oliver Holtemöller Axel Lindner Birgit Schultz

Die privaten Konsumausgaben sind im ersten Quartal deutlich zurückgegangen, ebenso wie die Investitionen in Maschinen, Geräte und Fahrzeuge. Auch der Außenhandel fiel kräftig. Stabilisierend wirkte der Staatskonsum, und auch die Bauinvestitionen verhinderten einen noch stärkeren Rückgang des Bruttoinlandsprodukts. Die Indikatoren aus der Realwirtschaft deuten auf einen bislang beispiellosen Absturz der gewerblichen Wirtschaft hin, der ab April voll einsetzte. Laut Verband der Automobilindustrie (VDA) kam die Produktion von Personenkraftwagen praktisch zum Stillstand (Rückgang um 97% im Vergleich zum Vorjahresmonat), der Export von Pkw sank um 94%. Auch in einigen Bereichen des Einzelhandels, im Hotel- und Gaststättengewerbe und in vielen Dienstleistungsbereichen gab es infolge des Shutdowns gewaltige Umsatzverluste. Dies spiegelt sich auch in den Unternehmensbefragungen von ifo und IHS Markit wider. Beim Early-Bird-Indikator der Commerzbank drücken vor allem die Lage und die Aussichten in der Weltwirtschaft auf die Stimmung. „Nur wenn es gelingt, die Corona-Pandemie einzudämmen, besteht die Chance, die aktuelle Wirtschaftskrise in absehbarer Zeit zu überwinden“, sagt Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

Der zuletzt Anfang April 2020 erhobene GfK-Konsumklimaindikator zeigt eine extreme Verschlechterung sowohl bei den Einkommens- und Konjunkturerwartungen als auch hinsichtlich der Anschaffungsneigung der privaten Konsumenten. Allerdings ist der überwiegende Teil der privaten Haushalte bisher ohne Einkommensverluste durch die Shutdown-Phase gekommen. Laut SAFE-Haushaltskrisenbarometer haben Anfang Mai über 80% der befragten Haushalte keine Veränderung bzw. sogar eine Verbesserung ihrer aktuellen Einkommen berichtet. Zudem erwarten 72% der privaten Haushalte, dass ihre Einkommenssituation auch in den nächsten sechs Monaten gleichbleiben wird, 12% erwarten sogar eine Zunahme. Einkommensverluste befürchten hingegen vor allem Selbstständige. Hier geht etwa ein Drittel von sinkenden Einkommen aus. Die Sparneigung ist bei drei Vierteln der Haushalte unverändert. Dies dürfte auch damit zusammenhängen, dass sich bei 80% der abhängig Beschäftigten die Erwerbsumstände nicht geändert haben. Größere Anschaffungen aufgrund des Corona-Virus wurden daher nur von 12% der privaten Konsumenten vollständig gestrichen und von 25% verschoben. „Der private Konsum dürfte die Konjunktur in den nächsten Quartalen etwas ankurbeln, wenn das gesellschaftliche Leben wieder in Gang kommt“, so Oliver Holtemöller. In denjenigen Wirtschaftszweigen, in denen soziale Kontakte wichtig sind (Gastronomie, Tourismus) dürften Einschränkungen noch einige Zeit fortbestehen. Eine deutliche Erholung der Wirtschaft ist erst denkbar, wenn sich auch der Außenhandel wieder fängt. Voraussetzung dafür ist, dass auch in den großen europäischen Nachbarländern und den USA das Infektionsgeschehen deutlich abebbt.

Der IWH-Flash-Indikator basiert auf einer Fülle von Einzelprognosen, die anhand vergangener Ereignisse seit dem Jahr 1991 die zukünftige Entwicklung prognostizieren. Da viele bisherige Indikatoren zur aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung oft nur mit Verzögerung veröffentlicht werden, werden zunehmend neue Indikatoren getestet, um die Prognosegüte für die Produktion zu verbessern. So wird erstmals der Lkw-Maut-Fahrleistungsindex des Statistischen Bundesamts, der seit diesem Jahr deutlich schneller veröffentlicht wird, in den IWH-Flash-Indikator einbezogen. Darüber hinaus werden für die Aggregation auch Informationen aus dem Oxford COVID-19 Government Response Tracker im aktuellen IWH-Flash-Indikator berücksichtigt. Abbildung 2 zeigt die Verteilung aller auf jeweils einem Indikator basierenden Prognosen für die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts im zweiten und dritten Quartal zusammen. Abweichend von der sonst üblichen Vorgehensweise wird der Indikator für die beiden Quartale nicht jeweils aus den Einzelprognosen abgeleitet, sondern das Gesamtergebnis (für beide Quartale) anhand von Informationen über die Shutdown-Intensität auf die beiden Quartale verteilt.
Alles in allem ergibt sich aus den Informationen des IWH-Flash-Indikators sowie den pandemiebedingten Sondereffekten für das zweite Quartal 2020 eine Abnahme um 7,2% und für das dritte Quartal 2020 eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts um 10,7%.

[Die Zeitreihe mit den historischen Daten des Flash-Indikators finden Sie im Download-Bereich.]

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Stefanie Müller
Stefanie Müller
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