25 Jahre IWH

Die Mathematik der Bauchentscheidungen

Zuerst Kosten und Nutzen sorgfältig abwägen und dann rational entscheiden. So wären wir Menschen vielleicht gerne. Doch tatsächlich entscheiden unbemerkt Emotionen, Erfahrungen, Vorurteile oder sogar Altruismus für uns mit.

Dossier

 

Auf den Punkt

Das menschliche Entscheidungsverhalten ist weit komplexer als es das klassische ökonomische Modell des Homo Oeconomicus, des Nutzenmaximierers, vermuten lässt. Wer hätte beispielsweise gedacht, dass Menschen, die ihren Lohn selbst bestimmen dürfen, sich selbst gar nicht maximal auszahlen lassen, sondern  eher moderat? Dass das Fernsehen die eigene Entscheidung für Nachwuchs oder unsere Einkommens- und Konsumwünsche beeinflusst? Oder dass Menschen mit ökonomischer Bildung bei wirtschaftlichen Entscheidungen tatsächlich anders ticken? Was solche irrationalen Faktoren für die wirtschaftlichen Prozesse in einer Gesellschaft bedeuten, untersuchen Verhaltensökonominnen und -ökonomen am IWH. Dafür bedienen sie sich im Werkzeugkasten der (Sozial-)Psychologie und erdenken Experimente und Studien, um die Lücken im Modell des Homo Oeconomicus aufzuspüren und zu schließen.

Unser Experte

Ein Feld, auf dem solche Abweichungen vom nutzenmaximierenden Idealbild eher die Regel als die Ausnahme sind, ist die Arbeitswelt. Unternehmen brauchen produktive Mitarbeiter, um erfolgreich zu sein. Damit diese Produktivität aber erhalten bleibt oder sich sogar steigert, reicht es als Unternehmen nicht, nur am Gehalt der Belegschaft anzusetzen, nach dem Motto: Viel hilft viel. Andere Faktoren, wie die Sinnhaftigkeit von Arbeit oder das Gefühl, fair behandelt zu werden haben ebenfalls Einfluss darauf, wie produktiv die Belegschaft arbeitet.


Wenn Beschäftigte beispielsweise erfahren, dass eine bereits erledigte Aufgabe im Nachhinein sinnlos war, strengen sie sich auch bei zukünftiger Arbeit weniger an. Das heißt, Arbeit ohne Sinnhaftigkeit ruft nicht nur negative Emotionen wie Enttäuschung und Ersetzbarkeit im jeweiligen Moment hervor, sondern beeinflusst auch die zukünftige Arbeitsmotivation. Das fanden IWH-Verhaltensökonomin Sabrina Jeworrek und Koautoren mithilfe eines großangelegten Experiments heraus. Dieser Befund darf aber nicht verwechselt werden mit einem anderen: Angestellte wünschen sich durchaus auch Information über Rückschläge ihres Unternehmens. Wenn beispielsweise eine Kampagne in der Vergangenheit gescheitert ist, ist es sinnvoll, die Belegschaft darüber in Kenntnis zu setzen und diese Tatsache nicht zu verschleiern. Denn die Angestellten werden durch den Rückschlag nicht demotiviert, wie man erwarten könnte – im Gegenteil. Sie strengen sich beim nächsten Versuch noch mehr an, wenn sie die Aufgabe als sinnvolle Herausforderung begreifen können.
In einer weiteren Studie entdeckte Jeworrek: Beschäftigte werden unproduktiver, wenn sie erleben, dass der Arbeitgeber Kolleginnen und -kollegen unfair behandelt – auch dann, wenn sie selbst gar nicht betroffen sind. Für das Experiment wurden 195 Probanden für zwei Arbeitseinsätze in einem Callcenter eingestellt. Einem Teil der Belegschaft wurde willkürlich gekündigt und diese Maßnahme mit Kosteneinsparungen begründet. „Wir wollten, dass die Situation möglichst unsozial und unfair wirkt“, so Jeworrek. Und nicht nur die Produktivität sank, die Probanden machten auch länger Pause und verließen den Arbeitsplatz früher.

Das Problem der Unfairbehandlung von Kollegen haben Selbstständige nicht. Doch auch deren Verhalten wird von verborgenen Faktoren beeinflusst: Ob sie überhaupt vom Unternehmergeist gepackt werden, hängt beispielsweise auch davon ab, welche Fernsehprogramme sie in ihrer Jugend sehen konnten. Oder ob sie über ausreichend Finanzmarktwissen verfügen. Denn ökonometrische Befunde legen nahe, dass mehr Finanzmarktwissen zu mehr Selbstständigkeit führt. Sollte sich die Politik also mehr unternehmerische Aktivität in Deutschland wünschen, wäre die Verbreitung positiver Rollenmodelle, ökonomische Grundbildung in den Lehrplänen und Informationen über Finanzen ein wichtiger Ansatzpunkt. Sobald eine Person dann selbstständig ist, verändert das außerdem ihren Charakter: Wird ein Mensch selbstständig, wird er auch risikobereiter – und erhöht damit wiederum auch die Wahrscheinlichkeit, selbstständig zu bleiben.

Doch auch wenn wir arbeitslos sind, werden wir vom Kontext mitbestimmt: IWH-Ökonom Steffen Müller fand beispielsweise heraus, dass sich Arbeitslosigkeit der Eltern auf deren Kinder auswirkt. Besonders interessant dabei: Jungen und Mädchen reagieren unterschiedlich auf die Arbeitslosigkeit der Eltern. War der Vater arbeitslos, ist zwar die Wahrscheinlichkeit künftiger Arbeitslosigkeit sowohl bei den Söhnen als auch den Töchtern höher. Gleichzeitig existiert bei Töchtern aber eine Gegenbewegung, die bei Söhnen nicht auftritt: Ihre Investitionen in Bildung steigen.

Egal aber, ob eine Person nun angestellt, selbstständig oder arbeitslos ist, ihr subjektives Wohlbefinden hängt stark davon ab, wie sie ihre Stellung innerhalb ihrer sozialen Gruppe wahrnimmt. Auch dies kann Einfluss auf grundlegende persönliche Einstellungen, zum Beispiel gegenüber Ausländern haben: Vergleicht eine Person ihr Einkommen mit dem ihrer Freunde und fühlt sich finanziell unterlegen, wirkt sich diese Tatsache negativ auf die Sympathie gegenüber Ausländern aus – selbst dann, wenn diese Person eigentlich zu den Besserverdienenden gehört.

Menschen handeln und entscheiden nicht immer vernünftig, sie sind fehlbar. Unbewusste Faktoren bestimmen die Richtung unserer Entscheidungen und viele dieser Faktoren entziehen sich unserem Einfluss. Sich die Mechanismen dahinter bewusst zu machen kann aber helfen, den Menschen und seine Rolle in der Volkswirtschaft zu verstehen, seine Potenziale aufzudecken und zu fördern.





Publikationen

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Firm Wage Premia, Industrial Relations, and Rent Sharing in Germany

Boris Hirsch Steffen Müller

in: IWH-Diskussionspapiere, Nr. 2, 2018

Abstract

This paper investigates the influence of industrial relations on firm wage premia in Germany. OLS regressions for the firm effects from a two-way fixed effects decomposition of workers’ wages by Card, Heining, and Kline (2013) document that average premia are larger in firms bound by collective agreements and in firms with a works council, holding constant firm performance. RIF regressions show that premia are less dispersed among covered firms but more dispersed among firms with a works council. Hence, deunionisation is the only among the suspects investigated that contributes to explaining the marked rise in the premia dispersion over time.

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Niedrige Soziale Mobilität in Deutschland: Wo liegen die Ursachen?

Thomas Brockmeier Reint E. Gropp

in: Wirtschaft im Wandel, Nr. 4, 2017

Abstract

Weiterhin gilt in Deutschland: Für den Bildungserfolg ist es nicht entscheidend, was ein Kind kann, sondern woher es kommt. Die soziale Herkunft eines Kindes bestimmt in hohem Maße dessen Bildungsniveau, beruflichen Erfolg und Einkommen. Eine Untersuchung des Statistischen Bundesamts vom letzten Jahr zeigt, dass 61% der unter 15-Jährigen, deren Eltern selbst einen hohen Bildungsabschluss haben, 2015 ein Gymnasium besuchten, während dies nur für 14% der Jugendlichen aus Familien mit niedrigem Bildungsabschluss gilt. Empirische Studien belegen: Kinder mit einem bildungsfernen Familienhintergrund können in Deutschland nur mit einer deutlich niedrigeren Wahrscheinlichkeit als etwa in skandinavischen Ländern (Dänemark, Norwegen, Finnland und Schweden) und einer ähnlich hohen Wahrscheinlichkeit wie in den USA sozial aufsteigen.

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TV and Entrepreneurship

Viktor Slavtchev Michael Wyrwich

in: IWH-Diskussionspapiere, Nr. 17, 2017

Abstract

We empirically analyse whether television (TV) can influence entrepreneurial identity and incidence. To identify causal effects, we utilise a quasi-natural experiment setting. During the division of Germany after WWII into West Germany with a free-market economy and the socialistic East Germany with centrally-planned economy, some East German regions had access to West German public TV that – differently from the East German TV – transmitted images, values, attitudes and view of life compatible with the free-market economy principles and supportive of entrepreneurship. We show that during the 40 years of socialistic regime in East Germany entrepreneurship was highly regulated and virtually impossible and that the prevalent formal and informal institutions broke the traditional ties linking entrepreneurship to the characteristics of individuals so that there were hardly any differences in the levels and development of entrepreneurship between East German regions with and without West German TV signal. Using both, regional and individual level data, we show then that, for the period after the Unification in 1990 which made starting an own business in East Germany, possible again, entrepreneurship incidence is higher among the residents of East German regions that had access to West German public TV, indicating that TV can, while transmitting specific images, values, attitudes and view of life, directly impact on the entrepreneurial mindset of individuals. Moreover, we find that young individuals born after 1980 in East German households that had access to West German TV are also more entrepreneurial. These findings point to second-order effects due to inter-personal and inter-generational transmission, a mechanism that can cause persistent differences in the entrepreneurship incidence across (geographically defined) population groups.

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