Vier Forschungscluster

Forschungscluster "Gesamtwirtschaftliche Dynamik und Stabilität"

Die zentralen Forschungsfragen des IWH-Forschungsclusters "Gesamtwirtschaftliche Dynamik und Stabilität" sind: (i) Was sind die Ursachen und Konsequenzen makroökonomischer Schwankungen und Instabilitäten und wie können diese empirisch identifiziert werden? Welche Maßnahmen können in aufholenden Volkswirtschaften ergriffen werden, um die makroökonomische Stabilität während ihres Aufhol- und Konvergenzprozesses zu gewährleisten? (ii) Welche Effekte hat makroökonomische Politik, zum Beispiel Geldpolitik, auf die Einkommens- und Vermögensverteilung? Wie können diese Effekte quantitativ modelliert werden? (iii) Wie kann das Finanzsystem in makroökonomischen Modellen besser berücksichtigt werden? Können makroökonomische Prognosen dadurch verbessert werden?

Das Forschungsfeld setzt sich aus folgenden Forschungsgruppen zusammen:

Im Mittelpunkt der Forschung dieses Clusters steht die empirische Analyse von makroökonomischer Dynamik und Stabilität in der Europäischen Union (EU). Der Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung, Implementierung und Anwendung quantitativer makroökonomischer Prognose- und Simulationsmodelle. Darüber hinaus werden Methoden für die Identifikation wichtiger unbeobachtbarer ökonomischer Größen, wie das Produktionspotenzial und das strukturelle Defizit, evaluiert, weiterentwickelt und angewendet. Prognose- und Simulationsmodelle stellen wichtige Werkzeuge für rationale Wirtschaftspolitik und effektive makroökonomische Überwachung dar, insbesondere in Bezug auf die gesamtwirtschaftliche Stabilität.

In regionaler Hinsicht wird im Cluster "Gesamtwirtschaftliche Dynamik und Stabilität" vor allem die wirtschaftliche Aktivität in der EU analysiert, unter anderem im Rahmen von regelmäßigen Wirtschaftsberichten für den Euroraum, Deutschland und Ostdeutschland, sowie in Form von Analysen geld- und finanzpolitischer Fragen in der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion und in anderen EU-Mitgliedstaaten.

Wirtschaftspolitische Entscheidungen auf der Makroebene betreffen nicht alle Akteure gleichermaßen. Die Forschung dieses Clusters soll daher auchVerteilungseffekte berücksichtigen, zum Beispiel solche zwischen Gläubigern und Schuldnern oder bezüglich der Einkommensverteilung.

Forschungscluster "Institutionen und soziale Normen"

Die zentralen Forschungsfragen des Clusters "Institutionen und soziale Normen" lauten: Wie beeinflussen unterschiedliche institutionelle Arrangements und deren Veränderung die Ressourcen(re-)allokation, insbesondere die von Human- und Sachkapital? Wie beeinflussen Werte und soziale Normen ökonomische Ergebnisse und die Entscheidungen von Individuen? Wie können wir diese individuellen Entscheidungen mit gesamtwirtschaftlichen Größen verknüpfen? Welche Rolle spielen unterschiedliche Governance-Mechanismen auf Finanzmärkten und in der Realwirtschaft?

Das Forschungsfeld setzt sich aus folgenden Forschungsgruppen zusammen:

Nicht zuletzt infolge der Schuldenkrise wird vermehrt die Frage gestellt, wie Marktprozesse und die staatliche Regulierung dieser Prozesse am besten austariert werden. Die institutionellen Rahmenbedingungen für das Marktgeschehen werden in vielfältiger Weise umgestaltet: Die Finanzmarktregulierung befindet sich in einem Umbruch, es werden in Europa neue institutionelle Regelungen zur besseren fiskalischen Kontrolle etabliert, und es gibt Pläne, die nationale Wirtschaftspolitik stärker zu koordinieren um damit die "Wettbewerbsfähigkeit" von Ländern zu erhöhen.

Der Erfolg anstehender Reformen in Deutschland und in anderen europäischen Staaten wird maßgeblich davon abhängen, auf welche Art und Weise die politischen Entscheidungsträger in verschiedenen Gebietskörperschaften bei der Suche nach Lösungen zur Bewältigung der finanzpolitischen Herausforderungen miteinander agieren und kooperieren. Es bedarf daher einer umfassenden Analyse von institutionellen Rahmenbedingungen, in denen Reibungsverluste zwischen verschiedenen föderalen Regierungseinheiten möglichst verhindert werden und ein die Wohlfahrt erhöhender interregionaler Wettbewerb gefördert wird.

Die Verbesserung der Qualität der öffentlichen Finanzen in den einzelnen Mitgliedstaaten der Europäischen Union wird in den kommenden Jahren ein wichtiger Schwerpunkt in der europäischen Stabilitäts- und Wachstumspolitik sein. Neben der Schaffung einer langfristigen Tragfähigkeit der öffentlichen Haushalte soll durch geeignete Finanzmarktregulierungen und öffentliche Ausgabenprogramme die Wettbewerbsfähigkeit und Stabilität der Volkswirtschaften gewährleistet werden. Diesbezüglich müssen viele Politikmaßnahmen auf die neuen Herausforderungen im privaten und öffentlichen Sektor abgestimmt werden.

Reformen werden nur dann erfolgreich umgesetzt werden können, wenn zugrundeliegende Lösungsansätze optimal auf aufgaben- und regionenspezifische Umstände abgestimmt werden. Die politischen Prozesse sollten dabei im Idealfall Spielraum lassen, einmal getroffene Entscheidungen auf Basis neuer Evidenz zu bewerten und gegebenenfalls zu revidieren. Um kostspielige Fehlentscheidungen oder die Einflussnahme von Interessengruppen bei der Ausgestaltung von Reformprozessen zu vermeiden, sollte sich die Ausgestaltung von Politikmaßnahmen konsequent auf eine evidenzbasierte Wirkungsanalyse stützen. Es bedarf daher auch einer Analyse von Steuerungsstrukturen im öffentlichen Sektor, welche evidenzbasierte Entscheidungsprozesse im öffentlichen Sektor unterstützen.

Forschungscluster "Produktivität und Innovationen"

Die zentralen Forschungsfragen des Clusters "Produktivität und Innovationen" lauten: Was sind die Konsequenzen einer Fehlallokation von Ressourcen auf der Firmenebene? Welche Anpassungskosten tragen die Beschäftigten bei Betriebsschließungen? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Innovationen im Finanzsektor und in der Realwirtschaft? Bedarf es einer gezielten Innovationspolitik, und wenn ja, wie kann diese anreizkompatibel ausgestaltet werden?

Der Cluster setzt sich aus folgenden Forschungsgruppen zusammen:

Kern wirtschaftlicher Aufholprozesse sind die Produktivität und Innovationsfähigkeit von Unternehmen. Der Produktivitätsfortschritt ist in Europa signifikant geringer als in den USA oder in einigen asiatischen Ländern. Gerät der Produktivitätsfortschritt ins Stocken, führt dies unmittelbar zu niedrigeren Pro-Kopf-Einkommen. Rigiditäten auf den Märkten für Kapital und Arbeit erschweren es der Volkswirtschaft, sich an strukturelle Veränderungen anzupassen, und hindern weniger entwickelte Volkswirtschaften in ihrem Aufholprozess. Letztlich entstehen Wachstumsprozesse aber auf Unternehmensebene. Daher liegt der Schwerpunkt der Forschung dieses Clusters auf den Innovationsprozessen, der Ressourcenallokation und der Unternehmensdynamik auf mikroökonomischer Ebene als den Ausgangspunkten für langfristiges Wachstum.

Die gesamtwirtschaftliche Produktivität wird erhöht, indem Ressourcen von weniger produktiven zu hochproduktiven Firmen umverteilt werden: durch Markteintritt oder Wachstum auf der einen Seite und durch Marktaustritt oder Schrumpfung auf der anderen Seite. Neben Effizienzaspekten ist es entscheidend, die Verteilungseffekte strukturellen Wandels zu verstehen. Die Anpassungskosten, die durch die Entwertung von Humankapital oder den Verlust firmenspezifischer Renten im Zuge des Marktaustritts entstehen, sind von größter Bedeutung für die Diskussion von Politikmaßnahmen zur Erleichterung strukturellen Wandels.

Der vorgegebene Rahmen staatlicher Regelungen kann Innovationen fördern, er kann aber auch Starrheiten erzeugen, die Innovationen behindern. Innovationspolitische Programme oder eine spezifische öffentliche Nachfrage auf den Produktmärkten können Innovation und Wachstum stimulieren. Die Ausgestaltung und die Wirksamkeit solcher Maßnahmen bedarf jedoch sorgfältiger Evaluierung und Optimierung.

Das Zusammenspiel zwischen Finanz- und Realwirtschaft spielt eine wichtige Rolle. Innovationen im Finanzsektor können für eine bessere Ressourcenallokation sorgen. Sie können die Realwirtschaft jedoch auch beeinträchtigen, falls sie die Instabilität im Finanzsektor erhöhen.

Die empirischen Arbeiten des Clusters widmen sich dem besseren Verständnis der Auswirkungen von Firmendynamik und Innovation auf die Produktivität von Unternehmen und Regionen. Die Forschung zu Innovationen basiert weitgehend auf dem Einsatz von Unternehmens-, Patent- und Publikationsdaten und deren Verknüpfung. Firmendynamik und Anpassungen auf dem Arbeitsmarkt werden unter Nutzung von Linked-Employer-Employee-Daten analysiert.

Forschungscluster "Finanzstabilität und Regulierung"

Die zentralen Forschungsfragen im IWH-Forschungscluster „Finanzstabilität und Regulierung“ sind: (i) Welche Auswirkungen haben Finanzkrisen auf die Realwirtschaft? (ii) Wie beeinflussen die Struktur und die Regulierung des Finanzsystems die Ressourcenallokation in der Volkswirtschaft und international? (iii) Inwieweit beeinträchtigt die internationale Vernetzung des Finanzsystems die Möglichkeiten einer Regulierung des Finanzsektors?

Der Cluster setzt sich aus folgenden Forschungsgruppen zusammen:

Instabilität und Krisen im Finanzsystem führen unstreitig zu erheblichen realwirtschaftlichen Verlusten. Die genauen Übertragungswege sind jedoch weniger klar. Dabei ist deren Verständnis entscheidend für eine angemessene regulatorische Antwort. Eine ungeeignete Regulierung kann das Funktionieren des Finanzsektors beeinträchtigen und der Realwirtschaft erheblichen Schaden zufügen. Zugleich ist es historisch immer schwieriger geworden, angemessene Indikatoren zur Vorhersage von Finanzinstabilität zu finden. Dies macht es schwierig, vorausschauend zu handeln und Finanzinstabilität präventiv zu vermeiden.

Seit der Finanzkrise von 2008/2009 hat es zahlreiche Initiativen zur Re-Regulierung des Finanzsystems gegeben (Basel III, Liquiditätsregulierung, Trennung von Geschäftskundenbereich und Investment Banking, Management-Boni etc). Diese gut gemeinten Initiativen sehen sich ernsthaften Hindernissen gegenüber. Beispielsweise sind Finanzsysteme international vernetzt, Finanzinstitutionen operieren global, das Zusammenwirken unter-schiedlicher Veränderungen in der Regulierung ist kaum verstanden; zudem sind die Politiker uneins über die Ziele einer Re-Regulierung, da sie bezüglich des Trade-offs zwischen straffer Finanzmarktregulierung und Wachstum unterschiedlich positioniert sind.

Die empirische Forschung zu kausalen Effekten von Finanzinstabilität und finanzieller Regulierung auf wirtschaftliche Ergebnisse wie Investitionen, Konsum und Produktivitätsfortschritt ist methodisch anspruchsvoll. Die Herausforderung besteht darin, die Auswirkungen von Regulierung und finanzieller Instabilität empirisch zu identifizieren und von anderen Faktoren zu isolieren. Dabei sind Angebots- und Nachfrageeffekte auseinander-zuhalten. Beispielsweise können die privaten Haushalte ihre Konsumausgaben reduzieren, da sie aus Unsicherheit über die zukünftige ökonomische Entwicklung weniger Finanzierungen nachfragen; oder sie reduzieren ihren Konsum deswegen, weil sie keinen Kredit mehr erhalten. Beides zu unterscheiden ist von größter Bedeutung, wenn es darum geht, angemessene politische Antworten zu geben.

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