Stabile Finanzmärkte: Was uns die Forschung lehrt

Dossier

 

Auf den Punkt

Nach dem Ausbruch der Finanzkrise stand wohl kaum eine Forderung weiter oben auf der politischen Agenda als die Stabilisierung der Finanzmärkte. Welche Effekte die Rettungsmaßnahmen hatten und welche Konsequenzen sich dadurch für die Politik ergeben, hat das IWH intensiv erforscht.

Unsere Experten

 

Eine Vielzahl an Hilfs- und Regulierungsmaßnahmen wurde sowohl von der US- als auch den europäischen Regierungen ins Leben gerufen, die der Forderung nach mehr Stabilität im Finanzsektor gerecht werden sollten. Doch heute, acht Jahre nach dem Ausbruch der Krise, wird die Wirkung dieser Maßnahmen oftmals in Frage gestellt: Welche Effekte ergaben sich zum Beispiel durch die Anhebung der Einlagensicherung von Banken? Haben sie, wie seitens der Regierungen erhofft, die Ansteckungsgefahr von Krisen vermindert? Hatte der immense Ankauf von Bankanteilen eine verzerrende Wirkung auf den Markt?

"Banken, die von der Anhebung der Einlagensicherung profitierten, gingen langfristig deutlich höhere Risiken ein"

Einlagensicherungssysteme sind ein vielbeachtetes Mittel, um ein Finanzsystem zu regulieren. Im Falle einer Bankinsolvenz garantieren diese Systeme eine Auszahlung des Geldes in einer bestimmten Höhe. Damit soll verhindert werden, dass Bankkunden in großer Zahl ihre privaten Einlagen bei der Bank zurückfordern, weil sie Angst haben, ihr Vermögen zu verlieren. Denn keine Bank ist faktisch in der Lage, die eingezahlten Beträge aller Kunden auf einmal auszuzahlen. Einen solchen bank run gilt es daher um jeden Preis zu verhindern. Tatsächlich führte die Erhöhung der Einlagensicherung in den USA von 100 000 US-Dollar auf 250 000 US-Dollar aber nicht zu mehr Sicherheit. Vielmehr trat genau das Gegenteil ein: Die Banken begannen, sich in deutlich riskanteren Geschäftsfeldern zu engagieren. Das hat einen einfachen Grund: "Ist eine Bank in risikoreicheren Bereichen aktiv, zum Beispiel bei gewerblichen Immobilien, verdient sie im Erfolgsfall deutlich mehr als in weniger riskanten Bereichen. Verkalkuliert sie sich aber, haftet automatisch das Einlagensicherungssystem der Bank", verdeutlicht Felix Noth, Finanzmarktexperte am IWH. "Um kurzfristig das Finanzsystem zu stabilisieren, werden also langfristig erhöhte Risikoanreize von Banken in Kauf genommen. Und das kann potenziell in die nächste Finanzkrise führen."

"Wenn überhaupt, dann gab es Wettbewerbsverzerrungen nur bis 2010"

Die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Einlagensicherungssysteme stellt sich vor allem auch deshalb, weil noch eine Reihe weiterer Maßnahmen darauf abzielte, die in Schieflage geratenen Banken zu stabilisieren. So zum Beispiel das Troubled Asset Relief Program (TARP) aus dem Jahr 2008, mit einem Umfang von 475 Mrd. US-Dollar eine der größten Stabilisierungsmaßnahmen in den USA. IWH-Berechnungen für alle US-amerikanischen Banken deuten beispielsweise darauf hin, dass der Wettbewerb zwischen denjenigen Banken, die Geld aus dem TARP-Programm erhielten, und denjenigen, die nicht von TARP profitierten, langfristig nicht unter der Rettungsmaßnahme litt. Die Geldmittel, die von der US-Regierung für die Bankenrettung ausgelegt wurde, erhielt die Regierung außerdem zu 112% zurück – der amerikanische Steuerzahler machte durch die Bankenrettung also sogar einen Gewinn.
Die Finanzkrise der zurückliegenden Jahre hat vor allem die möglichen Ansteckungseffekte verschiedener Finanzsysteme zum Vorschein gebracht. Es zeigte sich beispielsweise, dass die Tumulte in Europa und den USA Auswirkungen auf die Kreditvergabe und die regionale Beschäftigung in latein- und südamerikanischen Ländern hatten. Doch nicht nur die ausländische Finanzierung ist hier ausschlaggebend, sondern auch die Unternehmensstruktur an sich, ob sich also eine Bank in ausländischer Hand befindet oder nicht. Banken, die aus dem Ausland finanziert wurden, weiteten ihre Kredite beispielsweise deutlich stärker aus als solche Banken, die zusätzlich auch ausländischen Banken gehörten – und trugen damit auch deutlich mehr zur Stabilität bei.

Banken können unterschiedlich systemrelevant für ihre Heimatmärkte oder den gesamten EU-Raum sein. Obgleich ein einheitlicher Kanon an Regulierung in Europa wünschenswert wäre – wie sollte dieser ausgestaltet sein? Vorschläge für mehr Stabilität im Finanzsektor gibt es mittlerweile viele, angefangen bei einer zentralen EU-Behörde oder nationalen Überwachungen bis hin zur Trennung des Investment Bankings vom Einlagengeschäft. Der Aufbau der europäischen Bankenunion ist bereits ein erster Schritt. Die aktuellen Entwicklungen auf dem europäischen Finanzmarkt zeigen aber deutlich, dass hier noch viel Handlungsbedarf besteht.

Publikationen

Bank Market Power, Factor Reallocation, and Aggregate Growth

R. Inklaar Michael Koetter Felix Noth

in: Journal of Financial Stability , 2015

Abstract

Using a unique firm-level sample of approximately 700,000 firm-year observations of German small and medium-sized enterprises (SMEs), this study seeks to identify the effect of bank market power on aggregate growth components. We test for a pre-crisis sample whether bank market power spurs or hinders the reallocation of resources across informationally opaque firms. Identification relies on the dependence on external finance in each industry and the regional demarcation of regional banking markets in Germany. The results show that bank markups spur aggregate SME growth, primarily through technical change and the reallocation of resources. Banks seem to need sufficient markups to generate the necessary private information to allocate financial funds efficiently.

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Bank Risk Proxies and the Crisis of 2007/09: A Comparison

Felix Noth Lena Tonzer

in: IWH-Diskussionspapiere , Nr. 13, 2015

Abstract

Motivated by the variety of bank risk proxies, our analysis reveals that nonperforming assets are a well-suited complement to the Z-score in studies of bank risk. We investigate four proxies for bank risk that are frequently used in the literature. Our analysis shows that non-performing assets are a good proxy for bank risk for two reasons. First, non-performing assets nest the alternative proxies as shown by the high share of variation in non-performing assets explained by the Z-score, loan loss reserves and loan loss provisions. Second, non-performing assets are well-suited to explain bank failures one year ahead. The latter point also holds for the Z-score whereby the information content of the Z-score seems to differ from the other variables. We conclude that non-performing assets are a well-suited complement to the Z-score, which may come with calculation issues regarding the volatility of profitability, in studies of bank risk.

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Bank Risk Proxies and the Crisis of 2007/09: a Comparison

Felix Noth Lena Tonzer

in: Applied Economics Letters , Nr. 7, 2017

Abstract

The global financial crisis has again shown that it is important to understand the emergence and measurement of risks in the banking sector. However, there is no consensus in the literature which risk proxy works best at the level of the individual bank. A commonly used measure in applied work is the Z-score, which might suffer from calculation issues given poor data quality. Motivated by the variety of bank risk proxies, our analysis reveals that nonperforming assets are a well-suited complement to the Z-score in studies of bank risk.

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Bank-specific Shocks and House Price Growth in the U.S.

F. Bremus Thomas Krause Felix Noth

in: IWH-Diskussionspapiere , Nr. 3, 2017

Abstract

This paper investigates the link between mortgage supply shocks at the banklevel and regional house price growth in the U.S. using micro-level data on mortgage markets from the Home Mortgage Disclosure Act for the 1990-2014 period. Our results suggest that bank-specific mortgage supply shocks indeed affect house price growth at the regional level. The larger the idiosyncratic shocks to newly issued mortgages, the stronger is house price growth. We show that the positive link between idiosyncratic mortgage shocks and regional house price growth is very robust and economically meaningful, however not very persistent since it fades out after two years.

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Banking Competition and Real Sector Stability: Does the Risk Shifting Channel Exist?

Felix Noth

in: Working Paper , 2011

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