Corona-Krise wirft Sachsen-Anhalts Mittelstand zurück

Die kleinen und mittleren Unternehmen in Sachsen-Anhalt sehen sich dem größten Konjunktureinbruch seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 gegenüber. Das geht aus einer gemeinsamen Umfrage von Creditreform und Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hervor, an der sich rund 430 Unternehmen aus Sachsen-Anhalt beteiligt haben.

Demnach wird die aktuelle Geschäftslage nur von jedem zweiten Unternehmen (55,3%) mit „sehr gut“ bzw. „gut“ eingeschätzt. In der Vorjahresumfrage lag der Anteil der positiven Meldungen noch bei 72,4%. Mehr als jeder Zehnte (10,9% der Befragten) bewertete die Geschäftslage mit „mangelhaft“ bzw. „ungenügend“ (Vorjahr: 0,9%). „Die Corona-Krise hat vor allem den industriellen Mittelstand massiv getroffen“, sagt Martin Plath, Prokurist bei Creditreform in Halle (Saale), bei der Vorstellung der Umfrage. Jeder dritte Befragte aus diesem Bereich habe die aktuelle Geschäftslage negativ eingeschätzt.

„Allerdings wird die aktuelle Geschäftslage in Sachsen-Anhalt nicht so ungünstig beurteilt wie im Krisenjahr 2009“, ergänzt Dr. Axel Lindner, stellvertretender Leiter der Abteilung Makroökonomik am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). „Das ist nicht selbstverständlich, denn für Gesamtdeutschland ist für dieses Jahr mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung zu rechnen, der ähnlich hoch ausfallen dürfte wie in der Großen Rezession 2009.“

Wirtschaftlicher Schaden durch Corona-Eindämmung

Bei jedem fünften befragten Unternehmen (20,1%) haben Corona-Pandemie und die entsprechenden Abwehrmaßnahmen zu einem erheblichen betrieblichen Schaden geführt. Weitere 43,6% der Unternehmen waren zum Teil betroffen. Nur bei gut einem Drittel (36,3%) ist keinerlei Schaden entstanden. Von den Hilfs- und Stützungsaktionen der Bundesregierung hatte das Kurzarbeitergeld für den Mittelstand die größte Bedeutung, gefolgt von Zuschüssen und Darlehen.

Die Umsätze im Mittelstand lagen in diesem Frühjahr bei vielen Unternehmen entsprechend unter den Vorjahreswerten. So berichteten 37,3% der Befragten von einem Rückgang. Bei 41,3% blieben die Umsätze unverändert. Lediglich jedes fünfte Unternehmen (21,4%) meldete einen höheren Umsatz als im Vorjahreszeitraum. Mit Einbußen hatte vor allem das Verarbeitende Gewerbe zu kämpfen. Mehr als jeder zweite Befragte (58,0%) berichtete von einem Umsatzminus, im Handel waren es 43,6%. Zudem spielten in der aktuellen Corona-Krise heimatnahe Umsätze eine größere Rolle als in der Vergangenheit. Der Umsatzanteil aus Auslandsgeschäften und den Altbundesländern lag weit unter den Vorjahresangaben. Rund drei Viertel seines Umsatzes erzielte der Mittelstand zuletzt in den Neuen Ländern (ohne Berlin).

Die Zahl der Arbeitslosen ist in Sachsen-Anhalt zuletzt deutlich gestiegen. Auch der Mittelstand musste Beschäftigung abbauen. 19,3% der befragten Unternehmen sagten, sie hätten weniger Personal als vor einem Jahr. Bei 14,7% der Befragten erhöhte sich die Mitarbeiterzahl. Viele Unternehmen haben ihr Personal trotz der aktuellen Auftragseinbrüche aber konstant gehalten (65,9% der Befragten). Einschnitte gab es insbesondere schon im Verarbeitenden Gewerbe.

Umsatzerwartungen auf Tiefstand

Die Einschätzung der weiteren Wirtschaftsentwicklung in diesem Jahr ist mit sehr großen Unsicherheiten behaftet, zumal ein Wiederaufflammen des Virus und erneute Eindämmungsmaßnahmen möglich sind. Infolgedessen sind die Umsatzerwartungen im Mittelstand so pessimistisch wie seit 2009 nicht mehr. 37,4% der Befragten rechnen für das laufende Jahr mit einem Umsatzrückgang. Der Anteil der Pessimisten ist damit mehr als dreimal so hoch wie in der letztjährigen Umfrage. Mit steigenden Umsätzen rechnet nur jeder Fünfte (20,0%; Vorjahr: 31,3%).

„Die Einschätzungen des Mittelstandes zeigen: 2020 dürfte auch für Sachsen-Anhalt einen deutlichen Produktionsrückgang bringen“, schätzt Creditreform-Prokurist Plath. Die insgesamt vorsichtigen Prognosen der Unternehmen zum weiteren Konjunkturverlauf seien keine Panikreaktion, sondern beruhten auf echten rückläufigen Auftragseingängen und schon weggefallenen Umsätzen.

Corona drückt auf die Investitionsstimmung

Auch die Investitionsbereitschaft im Mittelstand ist eingebrochen. Nur noch 47,0% der befragten Unternehmen (Vorjahr: 61,3%) planen ein Investitionsvorhaben. Das ist der niedrigste Wert seit 2013. In allen vier Hauptwirtschaftbereichen (Verarbeitendes Gewerbe, Baugewerbe, Handel, Dienstleistungsgewerbe) lag die Investitionsbereitschaft deutlich unter den Vorjahreswerten. Am stärksten fiel sie im Dienstleistungsgewerbe und im Verarbeitenden Gewerbe zurück. Stärker als im Vorjahr behinderten Finanzierungsprobleme die Investitionstätigkeit.

Trotz der eher pessimistischen Geschäftserwartungen will der Mittelstand seine Fachkräfte halten und den Personalbestand unverändert lassen (72,9% der Befragten). Jeder sechste Befragte (16,3%) plant, die Zahl der Beschäftigten im weiteren Jahresverlauf aufzustocken (Vorjahr: 24,5%).

Die Eigenkapitalquoten im Mittelstand entwickelten sich trotz der Corona-Krise zunächst weiter positiv. 41,8% der befragten Unternehmen (Vorjahr: 34,8%) verfügen über eine solide Eigenkapitalquote von mehr als 30%. Jedes vierte Unternehmen (24,4%) weist eine zu niedrige Eigenkapitalausstattung auf (Vorjahr: 30,5%).

„Mehrere Jahre mit Wirtschaftswachstum haben den kleinen und mittleren Unternehmen gutgetan und auch Rücklagen ermöglicht“, so Plath. In den letzten Monaten sei die Liquidität aber mächtig unter Druck geraten. Im zweiten Halbjahr 2020 werden sich wohl Firmenzusammenbrüche häufen.

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