25 Jahre IWH

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Seite 1
Ein besonders kräftiger Aufschwung in Ostdeutschland
Seite 2
Ist der ostdeutsche Aufschwung ein Strohfeuer?
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Ist der ostdeutsche Aufschwung ein Strohfeuer?

Es stellt sich die Frage, ob die ostdeutschen Produzenten in jüngster Zeit tatsächlich leistungsfähiger geworden sind, oder ob der Osten lediglich einen konjunkturellen Schub erhalten hat, der nicht nachhaltig ist. Dafür ist eine Reihe von Gründen denkbar, die im Folgenden diskutiert werden sollen: Die gesetzliche Altersrente ist in Ostdeutschland jüngst besonders deutlich erhöht worden, ein gesetzlicher Mindestlohn wurde eingeführt, und die besonders kräftige Expansion des privaten Konsums in Deutschland könnte der ostdeutschen Produktionsstruktur besonders entgegenkommen.

Zum 1. Juli 2013 waren die Leistungen der Gesetzlichen Rentenversicherung (Altersrenten) im Osten um reichlich drei Prozentpunkte stärker angehoben worden als im Westen. Nicht ganz so deutlich, aber immer noch beträchtlich ist die Differenz in den Folgejahren ausgefallen (vgl. Abbildung 4). Die Einkommen aus gesetzlichen Rentenzahlungen in Ostdeutschland haben sich in den Jahren 2014 bis 2016 um relativ zum Bruttoinlandsprodukt reichlich 0,3 Prozentpunkte per annum erhöht, in Westdeutschland nur um etwa 0,1 Prozentpunkte. Weil der Beitragssatz zur Gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland einheitlich ist (er ist im Jahr 2015 von 18,9 auf 18,7% gesunken), bedeutet ein stärkerer Leistungsanstieg der Rentenversicherung im Osten, dass sich auch gesamtwirtschaftlich Einkommen von West nach Ost verschiebt. Die Rentenerhöhung dürfte der ostdeutschen Konjunktur relativ zu der in Westdeutschland einen kleinen Schub gegeben haben, insoweit nämlich die Pensionäre das zusätzliche Einkommen für heimische Konsumgüter ausgegeben haben.

Weitere gesetzlich bedingte Einkommenseffekte wurden durch die Einführung des Mindestlohns Anfang 2015 ausgelöst. Weil in Ostdeutschland mit 20,7% ein mehr
als doppelt so großer Anteil aller Löhne unter der neuen Mindestschwelle von 8,50 Euro gelegen hatte als in Westdeutschland, sind auch die Wirkungen der Neuregelung in Ostdeutschland größer. Vor allem darauf ist wohl zurückzuführen, dass im Jahr 2015 die empfangenen Arbeitnehmerentgelte je Arbeitnehmer in Ostdeutschland mit 4,2% doppelt so stark stiegen wie in Westdeutschland (vgl. Abbildung 5).

Allerdings bedeuten die höheren Arbeitsentgelte der Arbeitnehmer auch eine Reduktion der Erträge auf Seiten der Arbeitgeber und damit potenziell niedrigere Investitionen oder Konsumausgaben, die aus Unternehmens- und Vermögenseinkommen finanziert werden.
Auch dürften einige Arbeitsplätze, insbesondere Minijobs, wegen gestiegener Lohnkosten weggefallen sein. Nur falls die positiven Effekte auf den Konsum von denjenigen Arbeitnehmern, die von den Lohnsteigerungen profitiert haben, die negativen Effekte überstiegen haben, hat es tatsächlich einen positiven Impuls auf die in Ostdeutschland gegeben. Dafür würde sprechen, dass die Konsumgüterproduktion für die ostdeutsche Wirtschaft von besonderer Wichtigkeit ist. Jedenfalls sollte der private Konsum besonders stark gestiegen sein, falls Rentenerhöhung und Mindestlohn die ostdeutsche Konjunktur wesentlich gestützt hätten. Amtliche Daten auf Länderebene stehen für den privaten Konsum nur bis zum Jahr 2015 zur Verfügung: Im Jahr 2014 ist er mit 0,5% etwas schwächer, im Jahr 2015 mit 2,2% etwas stärker gestiegen als in Gesamtdeutschland (2014: 0,9%; 2015: 2,0%). Auch im Gesamtzeitraum von 2014 bis 2016 dürften die gesetzlich bedingten Einkommenszuwächse von Pensionären und Arbeitnehmern nicht Hauptursache für die höhere Produktionsdynamik gewesen sein. Darauf deuten die Beiträge zum Zuwachs der Bruttowertschöpfung nach Wirtschaftszweigen hin (vgl. Tabelle 1): In Ostdeutschland ohne Berlin kommt über die Hälfte des Produktionszuwachses vom vorwiegend für den überregionalen Bedarf produzierenden Verarbeitenden Gewerbe.

Schließlich ist denkbar, dass Ostdeutschland vom gegenwärtigen Aufschwung deshalb besonders profitiert, weil dieser in Gesamtdeutschland vor allem konsumgetrieben ist und in der ostdeutschen Wirtschaft die Konsumgüterbranchen relativ stark vertreten sind (vgl. Tabelle 2). Allerdings ist der Anteil der Konsumgüterindustrie in den vergangenen Jahren eher rückläufig. Deutlich gestiegen ist dagegen der Anteil der Investitionsgüterindustrie. Eine genauere Aufschlüsselung nach Industriebranchen (für Betriebe mit mehr als 50 Beschäftigten, vgl. Tabelle 3) zeigt darüber hinaus, dass sich insbesondere der Kraftfahrzeugbau, der Maschinenbau und die Chemieindustrie im Osten deutlich günstiger entwickelt haben als im Westen. Alles in allem deutet einiges darauf hin, dass die recht starke Expansion der Wirtschaft Ostdeutschlands im derzeitigen Aufschwung zu einem Gutteil auf Erfolge der ostdeutschen Unternehmen auf überregionalen Märkten zurückgeht. Dafür spricht auch, dass der Anteil des Auslandsumsatzes am Gesamtumsatz im ostdeutschen Verarbeitenden Gewerbe zwischen 2013 und 2016 etwas stärker gestiegen ist als in Westdeutschland.

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