IWH-Gutachten: Regionalförderung wirkt, sollte aber weiter verbessert werden

Deutschlands wichtigstes Instrument der Regionalpolitik fördert Arbeitsplätze, erhöht Betriebsumsätze und moderat auch die Löhne; es hat jedoch keine positiven Effekte auf die Produktivität. Das zeigt ein Gutachten zur Wirkung der Bund-Länder-Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW), verfasst vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Daher empfehlen die Ökonomen, die Förderziele stärker auf die Produktivität auszurichten, denn nur so kann das Förderziel, dass die geförderten Regionen wirtschaftlich aufholen, erreicht werden.

Im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie hat das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) die Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW) evaluiert. Für dieses Förderprogramm geben Bund und Länder mittlerweile jedes Jahr etwa eine Milliarde Euro aus. Die Zuschüsse fließen an Betriebe in strukturschwachen Gebieten, die Arbeitsplätze erhalten und schaffen sollen. Dieses Ziel wird erreicht, zeigt das Gutachten des IWH. Demnach bewirkt die Förderung in den Betrieben einen um 10 bis 15 Prozentpunkte höheren Zuwachs an Arbeitsplätzen, verglichen mit ähnlichen Betrieben, die keine Zuschüsse erhielten. Außerdem verzeichnen geförderte Betriebe ein um 7 bis 12 Prozentpunkte höheres Umsatzwachstum. Betrachtet man längere Zeiträume von vier bis fünf Jahren nach Ende der Förderung, sind zudem moderate Effekte auf Lohnsteigerungen von 2 bis 2,5 Prozentpunkten nachweisbar.

Keinerlei Effekt zeigt die GRW jedoch bei der Arbeitsproduktivität. Ein Anstieg der Produktivität setzte voraus, dass der Output stärker wächst als die Beschäftigung. Laut Gutachten gibt es hier aber keinen Unterschied zwischen Betrieben mit und ohne Zuschüssen. Zwar hat die Förderung von Betrieben einen Effekt auf das Wachstum des Umsatzes, der allerdings komplett auf das Wachstum der Beschäftigung zurückgeht. Aus Sicht der IWH-Ökonomen liegt hier der entscheidende Punkt, um Deutschlands wichtigstes Regionalförderprogramm weiter zu verbessern. Zum einen steigt mit der Produktivität die Wettbewerbsfähigkeit eines Betriebs, wodurch Arbeitsplätze langfristig gesichert werden können. Zum anderen können strukturschwache Regionen nur durch überdurchschnittliche Produktivitätssteigerung gegenüber übrigen Regionen aufholen. Das würde auch Spielräume für weitere Lohnsteigerungen eröffnen, die die Regionen für qualifizierte Beschäftigte attraktiver machen können. Die Produktivitätslücke zwischen strukturstarken Regionen und GRW-Fördergebieten lag 2017 bei 15 Prozentpunkten. „Deshalb sollte man das Ziel Produktivitätssteigerung jetzt stärker gewichten und dabei Aspekte qualifizierter und gut entlohnter Beschäftigung im Blick behalten“, sagt Mirko Titze, der am IWH das Zentrum für evidenzbasierte Politikberatung (IWH-CEP) leitet und das Gutachten verantwortet hat. Die Analyse entstand in Kooperation mit der Hochschule für angewandte Wissenschaften Coburg.

Für die Evaluierung der Gemeinschaftsaufgabe verglichen Titze und sein Team die Entwicklung der oben genannten Zielgrößen bei geförderten Betrieben mit jener in sehr ähnlichen, gezielt ausgewählten Firmen, die keine Zuschüsse erhielten. Der Effekt der GRW ergibt sich aus dem Unterschied zwischen beiden Entwicklungen. Die Wirkungsanalyse bezog sich auf Daten der amtlichen Statistik zu den jährlich etwa 2 300 Förderprojekten der Betriebe in den Jahren von 2009 bis 2016. Das GRW-Fördergebiet umfasst alle Landkreise und kreisfreien Städte in Ostdeutschland sowie mehrere Kreise u. a. in Bayern, Nordrhein-Westfahlen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Das 120-seitige Gutachten ist online frei verfügbar über den unten eingefügten Link.

Das IWH-CEP untersucht mit kausalen Forschungsdesigns, inwiefern Wirtschaftspolitik die von ihr angestrebten Ziele erreicht. Die Forschenden bereiten Daten auf, bewerten die Wirksamkeit staatlicher Maßnahmen und beraten Politik und Verwaltungen. Bei der jüngsten Evaluierung des IWH durch die Leibniz-Gemeinschaft erhielt das IWH-CEP im vorigen Jahr die Note „sehr gut“.

Veröffentlichung
Matthias Brachert, Hans-Ulrich Brautzsch, Eva Dettmann, Alexander Giebler, Lutz Schneider, Mirko Titze: „Evaluation der Gemeinschaftsaufgabe ‚Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur‘ (GRW)“ durch einzelbetriebliche Erfolgskontrolle. IWH Online 5/2020. Halle (Saale) 2020.

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Die IWH-Expertenliste bietet eine Übersicht der IWH-Forschungsthemen und der auf diesen Gebieten forschenden Wissenschaftler/innen. Die jeweiligen Experten für die dort aufgelisteten Themengebiete erreichen Sie für Anfragen wie gewohnt über die Pressestelle des IWH.

Zugehörige Publikationen

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„Evaluation der Gemeinschaftsaufgabe ‚Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur‘ (GRW)“ durch einzelbetriebliche Erfolgskontrolle

Matthias Brachert Hans-Ulrich Brautzsch Eva Dettmann Alexander Giebler Lutz Schneider Mirko Titze

in: IWH Online, 5, 2020

Abstract

Die „Gemeinschaftaufgabe ‚Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur‘ (GRW)“ repräsentiert das wichtigste Instrument der Regionalpolitik in Deutschland. Das Förderprogramm gewährt nicht-rückzahlbare Zuschüsse als Anteilsfinanzierung für Investitionsprojekte von Betriebsstätten (und Kommunen) im GRW-Fördergebiet. Die Festlegung des Fördergebiets erfolgt anhand eines aus verschiedenen Teilindikatoren zusammengesetzten Strukturschwächeindikators und eines von der Europäischen Union festgelegten Anteils der in Fördergebieten lebenden Bevölkerung. Verantwortlich für die Auswahl der geförderten Projekte ist das jeweilige Land, in dem das GRW-Projekt beantragt wird.

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