IWH-Insolvenztrend: Weniger Firmenpleiten, aber viel mehr Jobs betroffen

Im Juni waren doppelt so viele Beschäftigte von einer Unternehmensinsolvenz betroffen als im Durchschnitt der ersten Monate dieses Jahres. Gleichzeitig ist die Zahl der Firmenpleiten im vorigen Monat trotz Coronakrise leicht gesunken. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) liefert mit dem IWH-Insolvenztrend ein monatliches Update zum bundesweiten Insolvenzgeschehen.

Autoren Steffen Müller

Die Zahl der Firmenpleiten in Deutschland ist im Juni leicht zurückgegangen. Wie aus dem IWH-Insolvenztrend hervorgeht, wurden im vorigen Monat 921 Personen- und Kapitalgesellschaften als insolvent gemeldet. Das waren 10% weniger als im Mai und 13% mehr als im Vorjahresmonat Juni 2019. Wie bereits im Mai sind jedoch deutlich mehr große Firmen und somit mehr Arbeitskräfte betroffen. Laut der IWH-Analyse beschäftigen allein die 10% der Unternehmen mit den meisten Beschäftigten, deren Insolvenz im Juni gemeldet wurde, insgesamt 13 400 Personen. In den ersten Monaten des Jahres waren hingegen jeweils etwa 6 700 Personen in den Top 10% beschäftigt. Der Anstieg in den Beschäftigtenzahlen im Juni gegenüber dem Monatsmittel des ersten Quartals beträgt 99%. Im zweiten Quartal insgesamt waren 81% mehr Menschen von einer Firmenpleite betroffen als im ersten Quartal.

Den Rückgang bei den Insolvenzen bei gleichzeitigem Anstieg der Zahl der betroffenen Beschäftigten führt IWH-Insolvenzforscher Steffen Müller auf eine veränderte Zusammensetzung der Insolvenzen zurück. „Wir sehen mehr große Unternehmen scheitern und beobachten sehr viel weniger Insolvenzen bei Kleinstunternehmen“, sagt der Leiter der IWH-Abteilung Strukturwandel und Produktivität sowie der dort angesiedelten Insolvenzforschungsstelle.

Der Rückgang bei den insolvent gemeldeten Kleinstunternehmen dürfte neben dem Prinzip Hoffnung auch auf die verstärkte Inanspruchnahme der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht zurückzuführen sein, erläutert Müller. „Daher bildet die Anzahl der Insolvenzen allein die ökonomischen Folgen der Coronakrise derzeit nicht ausreichend gut ab.“ Generell sei die Tendenz zu beobachten, dass Kleinstunternehmen oft erst dann Insolvenz anmeldeten, wenn dies unausweichlich sei. Müller erwartet, dass die Zahl der Insolvenzen wieder ansteigen wird – spätestens dann, wenn die vorerst bis zum 30.09.2020 teilweise ausgesetzte Insolvenzantragspflicht wieder vollständig greift.

Deutlich schneller als die amtliche Statistik liefert der IWH-Insolvenztrend des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) jeden Monat einen belastbaren Befund zum bundesweiten Insolvenzgeschehen für Personen- und Kapitalgesellschaften. Die Ergebnisse weisen nur geringfügige Abweichungen von den amtlichen Zahlen auf, die mit etwa zwei Monaten Zeitverzug eine umfassende Einschätzung der Lage erlauben. Der IWH-Insolvenztrend ist deshalb ein verlässlicher Frühindikator. Für seine Analysen wertet das IWH die aktuellen Insolvenzbekanntmachungen der deutschen Registergerichte aus und verknüpft sie mit Bilanzkennzahlen betroffener Unternehmen. Zwischen der Insolvenzantragsstellung und der Bekanntmachung der Eröffnungsentscheidung durch die Gerichte können Wochen und Monate liegen. Deshalb betreffen die Insolvenzbekanntmachungen im Juni einige Unternehmen, die ihre Zahlungsunfähigkeit schon im Frühjahr angezeigt hatten. Dank seiner langjährigen Expertise, gebündelt in der IWH-Insolvenzforschungsstelle, gehört das Institut bundesweit zu den führenden Einrichtungen auf diesem Themengebiet.

Mehr zur IWH-Insolvenzforschungsstelle und zur Methodik hinter dem IWH-Insolvenztrend: www.iwh-halle.de/insolvenzforschung

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