Konjunktur aktuell: Wirtschaft im Bann der Corona-Epidemie

Die Corona-Epidemie blockiert die konjunkturelle Erholung in Deutschland. Aus dem Ausland fällt Nachfrage aus, im Inland wird Konsum, soweit er Infektionsrisiken mit sich bringt, unterlassen, und Investitionen werden aufgeschoben. Unter der Annahme, dass die Epidemie in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften noch zeitnah eingedämmt werden kann, beträgt der Produktionszuwachs im Jahr 2020 nach der Frühjahrsprognose des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) 0,6%. Dabei dürfte die Expansion in Ostdeutschland mit 0,9% höher ausfallen als in Westdeutschland. Sollte die Ausbreitung der Krankheit nicht drastisch reduziert werden können, ist mit einer Rezession in Deutschland zu rechnen.

Seit Ende Januar 2020 steht die Weltwirtschaft unter dem Eindruck der weltweiten Corona-Epidemie. Im ersten Quartal sind Produktion und Nachfrage in China wohl gesunken. Zwar normalisiert sich dort mit dem deutlichen Rückgang der Neuerkrankungen das Wirtschaftsleben nach und nach wieder, zugleich steigt aber andernorts die Zahl der Krankheitsfälle. Für viele fortgeschrittene Volkswirtschaften ist mit ähnlichen wirtschaftlichen Folgen wie für China zu rechnen. Die deutliche Zinssenkung durch die US-Notenbank hat Anfang März Preiseinbrüche an den Aktien- und Rohstoffmärkten nicht verhindern können. Die vorliegende Prognose unterstellt, dass sich die Ausbreitung der Epidemie in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften wie in China eindämmen lässt. Unter dieser Annahme dürfte die Weltkonjunktur im ersten Halbjahr 2020 sehr schwach bleiben, sich aber ab dem Sommer erholen.

Die Epidemie hat die deutsche Konjunktur zu einem Zeitpunkt getroffen, als eine längere Schwächephase zu Ende zu gehen schien. Nun ist jedoch mit einem Einbruch des Welthandels in der ersten Jahreshälfte 2020 zu rechnen. Zudem dürfte die mit der Epidemie einhergehende Verunsicherung wirtschaftliche Aktivitäten dämpfen. Die Produktion dürfte im zweiten Quartal 2020 zurückgehen. Mit der unterstellten Verzögerung weiterer Infektionen in- und außerhalb Deutschlands in der zweiten Jahreshälfte dürfte die Konjunktur im kommenden Winterhalbjahr recht kräftig anziehen. Die Produktion liegt im Jahr 2020 nach dieser Prognose um 0,6% höher als im Vorjahr, im Jahr 2021 steigt die Rate auf 2,0%. Auf die Beschäftigung dürfte der vorübergehende Produktionsrückgang nur wenig durchschlagen, auch weil schon seit einiger Zeit der Beschäftigungsaufbau vor allem in Wirtschaftszweigen stattfindet, die vom gegenwärtigen konjunkturellen Rückschlag kaum oder gar nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.

Die Wirtschaft in Ostdeutschland expandiert im laufenden Jahr mit 1,0% spürbar stärker als die gesamtdeutsche Wirtschaft, denn in Ostdeutschland spielt die Produktion von Verbrauchsgütern eine große Rolle, und nach dieser Gütergruppe dürfte die Nachfrage recht stabil bleiben. „Ein wesentliches Risiko für die deutsche Konjunktur sind Einschränkungen des Arbeitsangebots, weil eine massive Häufung von Erkrankungen, auch wenn sie zumeist mild verlaufen, zeitweise zu einem erheblichen Rückgang des Arbeitseinsatzes führen würde. Eine solche Erkrankungswelle könnte das Arbeitsvolumen über die einzelnen Quartale hinweg erheblich dämpfen“, sagt Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident des IWH. Nach seiner Einschätzung besteht dann auch die Gefahr, dass präventive Maßnahmen und steigende Unsicherheit der privaten Haushalte und der Unternehmen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage spürbar dämpfen.

Wirtschaftspolitische Implikationen der Corona-Krise

Wirtschaftspolitische Maßnahmen, die die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stimulieren, sind angesichts der Corona-Krise gegenwärtig nicht angezeigt. Die notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionen führen zu kurzfristigen Einbußen, die auch aus ökonomischer Perspektive hinzunehmen sind, um noch größere Folgewirkungen zu verhindern. Es kommt jetzt vor allem darauf an, dass die Ausbreitung des Virus verlangsamt wird. Im nächsten Schritt ist es wichtig, einen übermäßigen Anstieg von Unternehmensinsolvenzen zu verhindern. Hierzu ist ein mehrstufiges System geeignet. Die bereits beschlossene Ausweitung der Kurzarbeiterregeln ist eine wichtige kurzfristige Maßnahme. Erster Anlaufpunkt der Unternehmen bei Liquiditätsengpässen sind die Banken. Diese müssen weiterhin funktionsfähig bleiben und sollten nötigenfalls durch liquiditätspolitische Maßnahmen unterstützt werden. Wenn die Risiken in einzelnen Unternehmen so groß sind, dass Banken keinen Kredit gewähren, dann sind staatliche Garantien bei Beibehaltung eines gewissen Eigenrisikos der Banken die nächste Stufe. Stundungen von staatlichen Forderungen (Steuern, Sozialbeiträge) können dazukommen, wobei es aber schwierig sein dürfte, Mitnahmeeffekte zu verhindern. Wenn alle diese Maßnahmen nicht ausreichen, um größeren Schaden abzuwenden, kommen finanzielle Transfers an einzelne Unternehmen infrage. Darauf sollte man sich jetzt zwar vorbereiten und auch öffentlich signalisieren, dass dieses Instrument bei Bedarf eingesetzt würde, aber für konkrete Entscheidungen über direkte finanzielle Transfers an Unternehmen ist es noch zu früh. Dazu bedarf es einer besseren empirischen Grundlage. Maßnahmen zur Stimulation der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage wären nur sinnvoll, wenn nach einem Abflauen der Infektionen weiterhin Kaufzurückhaltung bestehen sollte.

Die Langfassung der Prognose enthält drei Kästen:

Kasten 1: Annahmen und Prognosen bezüglich der Rahmenbedingungen

Kasten 2: Zur Schätzung des Produktionspotenzials

Kasten 3: Die Corona-Epidemie als Risiko für die deutsche Konjunktur

Langfassung: Brautzsch, Hans-Ulrich; Claudio, Joao Carlos; Drygalla, Andrej; Exß, Franziska; Heinisch, Katja; Holtemöller, Oliver; Kämpfe, Martina; Lindner, Axel; Müller, Isabella; Schultz, Birgit; Staffa, Ruben; Wieschemeyer, Matthias; Zeddies, Götz: Wirtschaft im Bann der Corona-Epidemie, in: IWH, Konjunktur aktuell, Jg. 8 (1), 2020. Halle (Saale) 2020.

Online-Anhang zur Langfassung

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Zugehörige Publikationen

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Konjunktur aktuell: Wirtschaft im Bann der Corona-Epidemie

Arbeitskreis Konjunktur des IWH

in: Konjunktur aktuell, 1, 2020

Abstract

Seit Ende Januar 2020 steht die Weltwirtschaft unter dem Eindruck der Corona-Epidemie. Nach ihrem Ausbruch in China sind dort im ersten Quartal Produktion und Nachfrage eingebrochen. Mit dem deutlichen Rückgang der Neuerkrankungen kommt das Wirtschaftsleben in China gegenwärtig nach und nach wieder in Gang. Zugleich steigt aber andernorts die Zahl der Krankheitsfälle, und für viele fortgeschrittene Volkswirtschaften ist mit ähnlichen wirtschaftlichen Folgen wie in China zu rechnen. Die vorliegende Prognose unterstellt, dass sich die Ausbreitung der Epidemie insgesamt wie in China eindämmen lässt. Unter dieser Annahme dürfte die Weltkonjunktur im ersten Halbjahr 2020 sehr schwach bleiben, sich aber ab dem Sommer langsam erholen.

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