Konjunktureinbruch in Ostdeutschland nicht so stark wie in Deutschland insgesamt – Implikationen der Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2020 und amtlicher Länderdaten für Ostdeutschland

Die deutsche Wirtschaft hat sich nach dem pandemiebedingten drastischen Einbruch im Frühjahr 2020 zunächst rasch wiederbelebt. Im zweiten Halbjahr verliert die Erholung aber stark an Fahrt. Die Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose geht davon aus, dass das Produktionsniveau von vor der Krise erst wieder in der zweiten Hälfte des Jahres 2021 erreicht werden wird. Die ostdeutsche Konjunktur folgt im Prinzip diesem Muster; allerdings dürfte der Konjunktureinbruch hier etwas milder ausfallen.

Die Wirtschaftsleistung lag im ersten Halbjahr 2020 in Ostdeutschland um 5,6% unter dem Niveau des Vorjahreszeitraums, in Deutschland insgesamt waren es 6,6%. Ein Grund für den etwas kleineren Rückgang in den Neuen Bundesländern ist das geringere Gewicht des Verarbeitenden Gewerbes und insbesondere der Automobilproduktion in Ostdeutschland, denn der Fahrzeugbau kam zeitweise vollkommen zum Stillstand. Wo er im Osten eine ähnlich große Rolle spielt wie in Westdeutschland, nämlich in Sachsen und in Thüringen, war auch der Wirtschaftseinbruch mit 6,5% bzw. 6,3% kaum geringer.

Dass der Produktionseinbruch im Jahr 2020 im Osten geringer ausfallen dürfte, liegt zudem am Anteil der öffentlichen Dienstleister an der Bruttowertschöpfung, der mit 25% größer ist als in Westdeutschland (18%), denn dieser Wirtschaftszweig bleibt auch in der Krise recht stabil. Schließlich beurteilen laut ifo-Konjunkturumfragen die Einzelhandelsunternehmen ihre Lage im Osten ein Stück weit günstiger als im Westen, was auf einen robusteren privaten Konsum schließen lässt. Ein Grund dafür dürfte eine angesichts der Krise günstige Entwicklung der verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte insgesamt sein, auch weil die Rentenanpassung in diesem Jahr mit 3,9% kräftig ist. Zudem haben die bislang vergleichsweise niedrigen Infektionszahlen den Teil des Konsums, der mit sozialen Kontakten einhergeht, weniger belastet als anderswo. Die im Herbst deutlich zunehmenden Infektionszahlen in der Hauptstadt sind ein Risiko für den Berliner Dienstleistungssektor, aber auch für die Konjunktur in Ostdeutschland insgesamt.

„Unter der Annahme, dass in Berlin wie in ganz Deutschland ein neuerlicher Shutdown vermieden werden kann, dürfte das ostdeutsche Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2020 um 2,9% zurückgehen“, sagt Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). „In Deutschland insgesamt sind es ‒5,4%“. Für das Jahr 2021 wird für Ostdeutschland ein Zuwachs von 3,6% prognostiziert (Deutschland: 4,7%). Die Arbeitslosenquote nach der Definition der Bundesagentur für Arbeit dürfte in Ostdeutschland im laufenden Jahr 7,4% und 7,2% im Jahr 2021 betragen.

Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2020:
Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose: Erholung verliert an Fahrt – Wirtschaft und Politik weiter im Zeichen der Pandemie. Oktober 2020. Kiel 2020.

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Zugehörige Publikationen

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Erholung verliert an Fahrt – Wirtschaft und Politik weiter im Zeichen der Pandemie

Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose

in: Dienstleistungsauftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, 2, 2020

Abstract

Infolge der im In- und Ausland ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ist die deutsche Wirtschaftsleistung in der ersten Jahreshälfte drastisch gesunken, wobei sich der Einbruch auf die Monate März und April konzentrierte. Schon im Mai setzte eine kräftige Gegenbewegung ein, die sich in nahezu allen Branchen bis zum aktuellen Rand fortsetzte. Dieser Erholungsprozess dürfte aber zunehmend an Fahrt verlieren. Denn Nachholeffekte laufen aus, einige Branchen sind weiterhin erheblichen Einschränkungen ausgesetzt und die für die deutsche Wirtschaft wichtige globale Investitionstätigkeit dürfte noch für einige Zeit geschwächt bleiben. Die Institute erwarten daher nach einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um 5,4% in diesem Jahr nur ein Zuwachs um 4,7% im kommenden Jahr und 2,7% im Jahr 2022. Sie revidieren damit ihre Prognose gegenüber dem Frühjahr für das laufende und das kommende Jahr um jeweils gut 1 Prozentpunkt nach unten. Grund dafür ist, dass der weitere Erholungsprozess nunmehr etwas schwächer eingeschätzt wird als noch im Frühjahr.

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